Kalauer und Liebeslyrik


Heiterer literarisch-musikalischer Benefizabend im Ernst-Traub-Gemeindehaus zugunsten der Sanierung der Christuskirche


Kirchheim. Das könnte Schule machen: Drei pensionierte Lehrer aus Kirchheim haben einen literarisch-musikalischen Benefizabend im Kirchheimer Ernst-Traub-Gemeindehaus veranstaltet. Die ausgesprochen unterhaltsame Soiree im „ausverkauften“ Gemeindesaal hat dazu gedient, Spendengelder für die bevorstehende Innensanierung der Christuskirche zu sammeln. Rezitierend wirkten Gerhard Landauer und Hartmut Schallenmüller auf dem Podium, unterstützt von Dankward Radunz am Klavier.

Die Texte, bei denen es sich häufig um Gedichte handelte, sollten das Publikum erheitern, aber auch zum Nachdenken anregen – und sie verfehlten ihre Wirkung nicht. Quasi als Motto für den Abend galt der Prolog, ein Text von Hanns Dieter Hüsch, in dem es heißt: „Ich möchte ein stillvergnügter Clown sein und kein großer Held, ein klitzekleiner Spaßmacher in unserer bitteren Welt.“

Spaß machte bereits Wilhelm Buschs Gedicht „Gemartert“, in dem ein harmloses Klavier von einem wütenden Virtuosen gequält wird. Dankward Radunz zeigte beispielhaft, wie es sich anhört, wenn ein Pianist nach Wilhelm Busch zu Werke geht: „Und rasend wild, das Herz erfüllt, von mörderlicher Freude, durchwühlt er dann, soweit er kann, des Opfers Eingeweide.“

Nach der Devise „Wie wohl ist dem, der dann und wann, sich etwas Schönes dichten kann“ hat sich auch ein älterer Zeitgenosse Wilhelm Buschs dichterisch betätigt: Carl Spitzweg. Wesentlich bekannter als seine Gedichte ist zwar sein Gemälde „Der arme Poet“, aber auch als Dichter hat er sich mit dem Thema auseinandergesetzt. In einem Distichon hat er das Dilemma vieler selbsternannter Dichter so mustergültig wie formvollendet beschrieben: „Hast der Gedanken in Fülle, doch schwer ist‘s, in Form sie zu bringen. Unter dem Formen stirbt oft der Gedanke dir ab.“

Von da war es nur ein kleiner Schritt, einen der bedeutendsten Lyriker der jüngsten Vergangenheit zu zitieren: Robert Gernhardt, der unter dem Titel „Nachmittag eines Dichters“ in vier Strophen die allegorische Einfallslosigkeit besungen hat. Bekanntlich war sich Gernhardt auch für keinen Kalauer zu schade. Deshalb hat er in dem Gedicht „Good News aus Nürtingen“ beschrieben, wie er in einem Hotelrestaurant auf den Gängen, die zum Klo führen, Werke von Paul Klee an den Wänden vorfand. Geschehen war ihm das 1995 in Nürtingen, und deshalb schreibt Robert Gernhardt auch abschließend über die Neckarstadt, die sich so gerne mit Hölderlin brüstet: „Dort ist der Hotelgast froh, geleitet ihn ein Klee zum Klo.“

Eines der beliebtesten Gedichte in deutscher Sprache ist nichts anderes als ein Spiel mit Worten und Silben, die grundsätzlich und ausschließlich mit dem Vokal „o“ auskommen: „ottos mops“ von Ernst Jandl. Dass sich diese Spielerei hervorragend zum eigenen Weiterspinnen eignet, führten die Kirchheimer Pädagogen vor. Sie machten es ihrem Wiener Kollegen Ernst Jandl nach, indem sie nach Ottos trotzendem Mops auch noch „gudruns luchs“ knurren und „gittis hirsch“ hinken ließen.

Folgerichtig mündeten die zweck- und sinnfreien Sprachspielereien beim heiteren literarisch-musikalischen Abend in Christian Morgensterns „Das große Lalula“ und schließlich noch in die Ode an die „unberachenbere Schreibmischane“ von Josef Guggenmos.

Mit der „Schwaben-Himmelfahrt“ von Hans Heinrich Schlobach ließen die Kirchheimer Ex-Lehrer noch einen einheimischen Hobby-Dichter zu Wort kommen. Das Gedicht beschreibt, wie ein bekennender Vierteles-Schlotzer nach seinem Tod durch geschicktes Argumentieren Einlass in den Himmel findet. Ob ihm dort allerdings die Ewigkeit behagt, bleibt dahingestellt, denn bei Petrus gibt es keinen Rebensaft.

Nach der Pause ging es dichterisch zwar besonders wertvoll weiter, aber dafür weniger humorvoll, sondern eher ernst bis nachdenklich: Mit Heinrich Heines „Belsazar“ und Bertolt Brechts „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“ stellten Hartmut Schallenmüller und Gerhard Landauer jeweils ihre Lieblingsgedichte vor.

Unter der Überschrift „Mehr Schein als Sein“ folgten Prosatexte über blasierte Feriengäste in den Bergen oder am Strand, und schließlich gab es noch berühmte Dialogszenen zum Thema „Liebe“. Ob nun bei Kurt Tucholsky ein Ehepaar versucht, einen Witz zu erzählen, oder ob eine Ehefrau bei Loriot ihren Mann zum Spazieren schicken will – Hartmut Schallenmüller und Gerhard Landauer ließen ihr Publikum durch ihren ansprechenden Vortrag teilhaben an langjährigen Liebesbeziehungen, denen die Liebe abhanden gekommen zu sein scheint.

Gerade die Liebe wird ja häufig lyrisch verarbeitet, aber auch da mitunter sehr ironisch, etwa in Georg Kreislers Lied „Mein Weib will mich verlassen“. Erich Fried wiederum beschreibt, wie man auch eine Nervensäge lieben kann und wie – der Vernunft, der Berechnung, der Angst, der Einsicht, dem Stolz, der Vorsicht und der Erfahrung zum Trotz – die Liebe die Oberhand behält mit ihrem stets wiederholten Satz: „Es ist, was es ist.“

Sinn und Unsinn von Worten und Gedichten ließen alle drei beteiligten Lehrer am Schluss noch einmal gemeinsam aufleben, indem sie die Liebe zur großen Freude des Publikums so besangen, wie sie fast immer und überall besungen wird: mit „dum-didum“und „schubi-dubi-du“.


Wir übernehmen diesen Artikel von Andreas Volz der Ausgabe des Teckboten vom 20. Februar 2012

zurück