"Akte X Orgel"


Um kaum ein anderes Instrument ranken sich derart viele MYTHEN, LEGENDEN und GEHEIMNISSE, wie um die Orgel.
 
Doch wer hat sie erfunden?
Und warum ist sie eigentlich ein ursprünglich durch und durch "unchristliches" Instrument?
Warum ist für Viele der Orgelklang ein Synonym für Erschauern und Gruselei? 
Und warum fand Wolfgang Amadeus Mozart für die Orgel die begeisternde Umschreibung "Königin der Instrumente", hat aber kein einziges ausgesprochenes Orgelwerk hinterlassen?  
 
 
Die nachfolgenden Entdeckungen werden ganz sicher Ihren Blick auf die Martinskirchenorgel verändern!



WER HAT DIE ORGEL ERFUNDEN?

Der Legende nach soll die Heilige Caecilia (200-230) die erste Orgel aus den Händen eines Engels empfangen haben. Darauf habe sie dann während ihrer eigenen Hochzeitsfeier voller Inbrunst musiziert. Die Orgel als Geschenk des Himmels? Leider ein Übersetzungsfehler! Die Heilige bat nämlich lediglich darum, "Gottes Werkzeug" (lat.=organum) sein zu dürfen. Diesem Irrtum verdankt Caecilia allerdings ihr Patronat der Organisten und Kirchenmusiker. Tatsächlich liegt die Geburtsstunde der Orgel in der Historiae weiter zurück: Ein gewisser Ktesibios von Alexandria meldete im Jahre 246 v. Chr. ein Patent für eine Erfindung mit der Bezeichnung "organon hydraulicon" an - Eine Wasserorgel!


WARUM WURDE DIE ORGEL ERFUNDEN?
 
Wie die Frage schon vermuten lässt: In erster Linie nicht als Musikinstrument! Ktesibios war "Ingenieur" und interessierte sich vordergründig um das mechanische Herstellen eines konstanten Luftdrucks. Dazu senkte er in eine mit Wasser gefüllte Wanne eine Glocke, in der er mittels einer Kolbenpumpe Luft hinein presste. Der so entstehende Niveauunterschied des Wassers erzeugte innerhalb der Glocke einen Luftdruck, dessen Konstanz er mit der Kolbenpumpe regulierte und mit einer Pfeife, die er auf dem Halbrund der Glocke installierte, nachwies. Die Orgel war also ursprünglich lediglich ein physikalischer Versuchsaufbau!



WARUM WURDE DIE ORGEL URSPRÜNGLICH ALS ZUTIEFST "UNCHRISTLICHES" INSTRUMENT BETRACHTET?

Einer der grausamsten Despoten und Christenhasser im Römischen Reich, Kaiser Nero, war ein leidenschaftlicher und wohl auch virtuoser Organist. Dies alleine würde reichen, um zu erklären, warum die frühe Christenheit mit diesem Instrument arge Probleme hatte. Daneben diente das "organon hydraulicon" als musikalische Umrahmung der Gladiatorenkämpfe in den gigantischen römischen Theatern. Kein anderes Instrument hätte damals die benötigte Dezibelzahl erreichen können, die heute bei Stadionkonzerten mit elektronischen Anlagen erzeugt wird. Und während die grausame Szenerie in den "Circi Maximae" ihren Fortgang nahm, "brüllte" (zeitgenössisches Zitat) im Hintergrund die Orgel, sodass man "ihrer in ganz Rom teilhaftig werden konnte".


Abbild einer Schleifenorgel aus dem 10. Jh.

Abbild einer Schleifenorgel aus dem 10. Jh.


UND WIE KAM DIE ORGEL IN DIE KIRCHE?

Eine schwierige Frage! Es gibt zahlreiche Antworten zwischen Dichtung und Wahrheit. Ein orientalischer Kalif soll Karl dem Großen als Freundschaftsgabe eine Orgel geschenkt haben. Ein orientalischer (muslimischer!) Kalif als Wegbereiter der Orgel nach Europa - ?! Als angemessener empfand man die Geschichte, der "christliche" Kaiser Kostantin der Große habe König Pippin dem Kleinen eine Orgel als Dankesgabe überreicht. Sicher ist auf jeden Fall zweierlei: 1. Im byzantinischen und arabischen Kulturkreis erlebte der Orgelbau in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt eine wahre Blütezeit, während man sich im "Christlichen Abendland" kaum noch an dieses Instrument erinnerte. 2. Die Verwendung der Orgel als "Beschallung" der immer gigantischer werdenden Kirchenbauten (wo sollte sie mit ihrer enormen Lautstärke auch sonst verwendet werden?) stieß bei den kirchlichen Würdeträgern damals auf erbitterten Widerstand. Man erinnerte sich offensichtlich noch an ihre ganz und gar "unchristliche" Vergangenheit. Möglicherweise aber war der Aachener Dom die erste Kirche, in der im 8. Jahrhundert erstmals eine Orgel erklang...



WARUM WURDE DIE ORGEL ZUM "GEISTLICHEN" INSTRUMENT PAR EXCELLENCE?

Bei keinem anderen Instrument ist der Ort der Tonerzeugung vom Instrumentalisten so weit entfernt, wie bei der Orgel. Zwischen Orgeltasten und den erklingenden Pfeifen klafft manchmal ein Abstand von 10 Metern und mehr! Die wesentliche Kraft dazwischen ist die "Windkraft". Der Wind aber gilt als Symbol des Heiligen Geistes: Unsichtbar, und doch von unermesslicher Stärke und Wirkung. Und wer fühlt sich beim Hören des Pfingstberichtes nicht unwillkürlich an einen erschauernden Orgelklang erinnert: "Und es geschah ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus" (Apg. 2,2). Schließlich und ehrlich: Welches Instrument vermag eine gotische Kathedrale ähnlich umfassend auszufüllen, wie eine Orgel?


Bedrohliche Pfeifengestaltung an einer Renaissance-Orgel

Bedrohliche Pfeifengestaltung an einer Renaissance-Orgel


ORGEL MIT MENSCHLICHEN ZÜGEN?
 
In alten Orgelbaubüchern finden sich immer wieder organologische Bezeichnungen für orgeltechnische Bauteile: Das Balgsystem wird der menschlichen Lunge verglichen, man spricht von Zungen- und Lippenpfeifen, die Tastatur gleicht menschlichen Zähnen, die Orgel atmet, eine Klangbezeichnung heißt "Vox Humana" (Menschliche Stimme) und das Antlitz (Prospekt) der Orgel verrät viel über ihre Klanggestalt. Der berühmte Musikwissenschaftler Michael Praetorius (1571-1621) klagte einmal: "Die Orgl liget an der schwindtsucht danieder". Auch eine Orgel muss also manchmal allzumenschlich das "Bett hüten". Übt sie vielleicht auch deshalb ihre einzigartige Faszination auf uns aus? 



WAS LÄSST UNS BEIM HÖREN DES ORGELKLANGS ERSCHAUERN?

Einige der bekannten schottischen Spukschlösser konnten "enttarnt" werden: Unterirdische Ultraschallwellen verursachen bei den Besuchern das Gefühl, irgendetwas ginge hier nicht mit rechten Dingen zu. Diese Schallwellen, hervorgerufen durch nahe Autobahnen oder Bahnhöfe, oder durch Schwingungen im Erdinneren, können beinahe unbemerkt den Solarplexus reizen, und ein unbestimmtes Kribbeln bis hin zum Fluchtreflex auslösen. In der Orgel sind Ultraschallwellen quasi zu Hause. Eine 32'-Pfeife (davon gibt es in der Martinskirchenorgel mehrere!) verursacht Schallwellen bis weit unter 20 Herz. Wir können sie nicht mehr auditiv wahrnehmen, reagieren jedoch mit dem bekannten Gefühl ehrfürchtigen Erschauerns. 



WARUM WURDEN ORGELN IN DEUTSCHLAND WIE "FEINDE" BEKÄMPFT?

Wohl kaum ein zweites Instrument war im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte Mittelpunkt zum Teil erbitterter Auseinandersetzungen. Natürlich hängt dies auch mit den einzigartig hohen Kosten, die beim Bau einer Kirchenorgel (etwa 7.000 € pro Register) zu veranschlagen sind, zusammen. Dieses Argument allein überzeugt aber nicht. Viel eher spielen dabei wohl unterschiedliche Frömmigkeitstraditionen eine Rolle. Kurz gesagt sind Barockorgeln eher nüchtern, klar und eindeutig, während romantische Orgeln zur bewussten Unbestimmtheit neigen. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde durch die sogenannte Freiburger Orgelbewegung die Barockorgel als unbedingtes Ideal erhoben, was die rigorose Beseitigung oder zumindest die klangliche Umgestaltung (Barockisierung) vieler Orgeln aus der Zeit nach 1860 zur Folge hatte. Auch im "Ländle" wurden viele Orgeln dieser Epoche brachial "entsorgt". Heute pilgern Orgelfreunde in Scharen nach Lettland oder Ecuador um noch Originalorgeln der Firma Walcker oder Steinmeyer aus dieser Zeit zu bestaunen.


MOZART UND DIE "KÖNIGIN DER INSTRUMENTE"

Wie kann es sein, dass Mozart auf seinen zahlreichen Konzertreisen an keiner Dorforgel vorbei kam, uns aber keine einzige ausgesprochene Orgelkomposition hinterlassen hat? Zeitgenossen Mozart glaubten, dass die Unmöglichkeit des Dynamischen Spiels auf der Orgel der Grund dafür gewesen sei. Er selbst jedoch entgegnete, ihm sei es sogar möglich, einem "starren Stein Leben einzuhauchen". Mozart war genialer Improvisator. Wenn er auf der Orgel "phantasirte", spielte er meist Fugen, die zwar zu seiner Zeit als "völlig Out" angesehen, aber immer wieder gerne als Ausweis kontrapunktischen Könnens dargebracht wurden. Eins seiner aussagekräftigsten Orgelwerke ist deshalb nicht der Orgel zugedacht, atmet aber zutiefst den Geist orgeltechnischen Komponierens: Der "Gesang der Geharnischten" in der Oper "Die Zauberflöte".



WIE ALT IST DIE MARTINSKIRCHENORGEL WIRKLICH?

Wie neu ist ein Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert mit neuen Fenstern, Türen, neuem Dach, neuem Heizungssystem und neuen elektrischen Leitungen? Schätzungsweise 25 Register des Pfeifenwerks der heutigen Martinskirchenorgel stammen aus der Vorgängerorgel von Eberhardt Friedrich Walcker (Baujahr 1842), das sind über 40 % des gesamten Pfeifenbestandes! Auch Walcker selbst hat hin und wieder gern Teile des Vorgängerpfeifenwerks übernommen. In der Martinskirche stand bis 1842 eine Orgel von Johann Michael Schmahl, Baujahr 1691. Der Klang der Martinskirchenorgel setzt sich also wahrscheinlich aus Klängen von mehreren Orgelgenerationen zusammen. Von Orgeln also, die es schon längst nicht mehr gibt!

So geheimnisvoll ist Orgelbaugeschichte...!