Kirchenmusikbeiträge im Gemeindebrief der Martinskirchengemeinde
von RALF SACH
Volks- (Kirchen-) Musik
Nach der Halbzeitpause
Reine Formsache
"Entschuldigung, Herr Bach...!"
Zur Todesstunde...
Weibliche Endung
Bach schrieb nie ein Weihnachtsoratorium
Herbstlaub
Cum organo pleno
Was also ist Zeit?
Kann Musik sprechen?
In der Tiefe ist der Mensch auf der Höhe
Musikalische Ökumene
Wie geistlich ist weltliche Musik?
Neues aus dem Orgelkrankenhaus
Der aufregendste Ort der Welt
Zurück in die ZukunftAufgrund des neuen Gesamtkirchen-Gemeindebriefs "Kirchenfenster" wird diese Seite nicht mehr aktualisiert Volks- (Kirchen-) Musik (Februar 2011)
Ich weiß nicht, liebe Gemeindebriefleserinnen und Leser, ob Sie diese Karikatur kennen, auf der Georg Friedrich Händel an der Orgel von einem zeitgenössischen Betrachter etwas bitter aufs Korn genommen wurde.
Die Leidenschaft des “Charming Brute” für alles Ess- und Trinkbare ist natürlich legendär. Und ebenso seine Egozentrik („I am myself alone“). Doch, darum geht es bei dieser bildlichen Überzeichnung gar nicht vordergründig. Der Angriff des Karikaturisten Joseph Goupy zielt eher auf den Umstand, dass Händel das Sakralinstrument Orgel in einen alltäglichen musikalischen Gebrauchsgegenstand verwandelte. Denn tatsächlich war Händel einer der ersten, der die Kirchenorgel aus dem liturgischen Kontext heraus für seine Opernaufführungen verwendete und auch sonst wenig Geistliches mit der Orgel „anstellte“ (Schlachtenszenen etc.)
Für Gustav Mahler, dessen 100. Todestag in diesem Jahr bedacht wird, ist der „Volksgesang“ die Urform, die „Kernzelle“ aller Musik. Deshalb tauchen in seinen extrem umfangreichen Symphonien gern Tonfolgen auf, die an Kinderreime erinnern („Ene, Mene, Miste…“). Ähnlich wie Händel gibt es für ihn die Kategorie „geistlich“ und „weltlich“ nicht. Und wenn, dann zieht er letztere eindeutig vor. Sie ist „näher dran am Menschen“, gleichsam als Extrakt, als Kernzelle aller Musik. Auch der Vorwurf gegen Martin Luther nach seiner Übersetzung der Bibel richtete sich nicht maßgeblich gegen die Textübertragung an sich. Es war eher seine Art, dem Volk dabei „aufs Maul zu schauen“, zumal Deutsch im 16. Jahrhundert als Barbarensprache angesehen wurde. Die Bibel wurde nach Ansicht der damaligen Kirchenführung durch Luther entweiht, banalisiert. Deshalb galt sie als verbotenes Buch.
Ist Volksmusik im Gegensatz zur Kirchenmusik nun banal? Die Grenzen verschwimmen heute, zum Glück! Auch im Kirchenmusikalischen Jahresplan 2011, den sie auf der Kirchenmusikhomepage und demnächst auch als Flyer vor sich haben können, verschwimmen sie. Schön, wenn ich bei den Konzertangeboten nicht die Bildunterschrift der Händel-Karikatur oben nachsprechen müsste…
Nach der Halbzeitpause (Oktober 2010)
Die 6 endlos langen Sommerferienwochen laden mich immer zu einem Zwischenfazit ein. Zu einem kirchenmusikalischen Zwischenfazit. Ich sitze also verschwitzt mit einem kühlen Iso-Getränk auf der Bank der Umkleidekabine und feile an der Strategie. Was lief bisher gut, welche Chancen wurden erarbeitet und sogar verwertet, wo muss strategisch nachgebessert werden? Haben Sie Lust, bei dieser Mannschaftssitzung „Mäuschen“ zu spielen?
Also: Letzten Samstag ging die diesjährige Reihe der
„Orgelmusik zur Marktzeit“ zu Ende. Knapp 2.000 Orgelfans ließen sich ins Reich von Toccata, Passacaglia & Co. entführen. „Reine Formsache“ hieß das Motto. Konditionell gab es keine Probleme. Ernst Leuze und ich gaben alles und am Ende wuchs die Kirchenmusikkasse um weitere 3.000,00 € an. Das schafft natürlich Spielsicherheit für die folgenden Veranstaltungen z.B. den ziemlich kostspieligen
Bach-Messen am 21. November. An der Spendenhöhe wird in den kommenden Jahren noch zu feilen sein (auf jeden Konzertbesucher entfielen1,50 €). Aber das schaffen wir!
Etwa 500 Besucher freuten sich Karfreitag über das herzbewegende Dvorak Stabat Mater. Seit einigen Jahren nun hat sich die
„Musik zur Todesstunde Jesu“ in die Herzen der Kirchheimer Kirchenmusikfreunde gespielt. Die satten Gewinne, die bei diesen Angeboten immer zu erwarten sind, geben Rückhalt, um Neues zu testen. Wie etwa den Kammermusikabend
„Hut ab, ihr Herren“ (50 Besucher…). Und nicht nur Neues zu testen, sondern auch dauerhaft einzuführen. Die „Orgelmusik zur Marktzeit“ hat ja auch einmal klein und zaghaft angefangen. Für 2011 ist jedenfalls wieder Kammermusik angesetzt. Und wieder in der intimen Akustik des Gemeindehaus-Saals. Der exzellente Sauter-Flügel wurde übrigens von einer gemeindeeigenen Klavierfachfrau auf eigene Kosten gestimmt und saniert. Auch das gibt es immer wieder!
Der Projektchor „Kirchheimer Kantorei“ – auch noch eher ein „Kind“ des Hauses – bereitet sich mittlerweile eingehend im Trainingslager für
„Dolcissima mia vita“ vor. Am 09.10. um 19.30 Uhr erklingen Madrigale und Motetten aus der geheimnisvollen Zeit des italienischen Frühbarock. Und auch das Nachtkonzert
„Geschenkte Stunde“ am 31.10. (3.00 Uhr) wird mit den Bachschen „Goldbergvariationen“ nochmals um die Gunst des Publikums buhlen. Wird sie es schaffen? Überzeugen Sie sich selbst! Und weiter geht’s…!
Reine Formsache (August 2010)
Nein – das, was jetzt kommt, ist nicht wieder die übliche Gegenwartsschelte, von wegen früher war alles besser und so weiter. Im Gegenteil. Eine Zeit, die uns so viele Möglichkeiten bietet, wie die heutige – vielleicht hat es sie seit vielen Jahrhunderten nicht mehr gegeben. Ich glaube nur, und jetzt kommt das kurze „Aber“, zumindest auf musikalischem Gebiet nutzen wir sie kaum wirklich aus. Schauen wir doch mal auf die Musik, die uns tagtäglich umgibt. Natürlich wird da viel von „neuen Sternen am Himmel“ und von „ungewöhnlichen stilistischen Wegen“ gesprochen. Tatsächlich aber wird die Gegenwartsmusik vom Schlager über den Rap bis hin zum Hardrock formal von der Musikgattung des Lieds bestimmt. Und selbst die Großform Musical ist eine Aneinanderreihung von „Songs“. Es gibt Strophen, es gibt Refrains und hin und wieder auch mal ein mehr oder weniger kurzes Zwischenspiel.
Ich finde es faszinierend, wenn meine kleine Tochter singt. Sie benutzt dabei immer die ganz große, raumgreifende Form, in der sie improvisatorisch nach interessanten Ton-Motiven sucht. Wir haben alle einmal so begonnen, egal ob musikalisch oder nicht. Selbst beim „Brabbeln“ in der Wiege testen Babys ihre inneren Resonanzräume stimmlich aus. Die Rassel sorgt dann noch für den perkussiven Hintergrund all dieser einzigartigen Ur-Aufführungen. Und auch hier zeigt sich, dass der sich ständig verändernde Rhythmus offenbar ein Grundbedürfnis des Menschen ist, das durch die durchgängig, fast diktatorisch beat-betonte Musik unserer Zeit überdeckt wird. Die Form des Liedes gibt es nun schon seit etwa 500 Jahren. Ein gewisser Martin Luther war übrigens nicht ganz unschuldig für deren „Erfindung“. Doch es gab darüber hinaus noch eine unzählige Buntheit weiterer Formen. Es gab die Fuge, die Toccata, die Sonate, das Capriccio, die Etüde, natürlich die Symphonie, die symphonische Dichtung und viele andere Rahmen für Klangerfindungen. Und jede dieser Formen beschreibt eine ganz eigene Umgangsform mit Musik.
In der diesjährigen
Orgelmusik zur Marktzeit vom
31.07.-18-09. sollen wieder jeden Samstag um
11.00 Uhr viele dieser musikalischen Formen mit repräsentativen Beispielen vorgestellt werden. Und natürlich gibt es wieder sehr viel Hintergründiges und anekdotenhaftes zu erfahren. Und das ein
„Capriccio“ laut Meyers Musiklexikon ein „Lustvoller musikalischer Regelverstoß“ darstellt, sollte Sie doch wohl neugierig machen, oder?
"Entschuldigung, Herr Bach..." (Juni 2010)
…haben Sie kurz Zeit für ein kleines Gespräch? Sie gelten ja als Urtypus des Kantors und Kirchenmusikers. Wie würden Sie unseren Lesern den Begriff „Kirchenmusik“ erklären?
Ich sage Ihnen ganz offen: Eigentlich mag ich diesen Begriff nicht.
Wie, Sie mögen ihn nicht…! Die bedeutendsten kirchenmusikalischen Werke stammen von Ihnen…!
Welche meinen Sie da genau?
Natürlich Ihre großen Oratorien, die erhebenden Orgelwerke und selbstverständlich die große Fülle Ihres Kantatenschaffens!
Soll ich Ihnen mal was sagen?
Ja, was?
Meine liebsten Kirchenmusikwerke sind die „Brandenburgischen Konzerte“, dicht gefolgt von den „Partiten“ und vor allem dem 2. „Wohltemperierten Klavier“
Nicht Ihr Ernst - ?
Ach, und die Kaffeekantate …
Ihr Nachweis, dass Sie auch lustige Unterhaltungsmusik schreiben können…
Wenn Sie das so sehen. Jedenfalls, Sie werden es nicht glauben, für mich ist das tiefgeistliche Musik!
„Ei, wie schmeckt der Kaffee süße, milder als Muskatenwein…“ - Tiefgeistlich?!
Ich sagte: Tiefgeistliche Musik, vom Text sprach ich nicht. Wobei – Ich finde den Text nicht un-geistlich.
Für Sie existiert also gar kein Unterschied zwischen „geistlich“ und „weltlich“?
Doch – schon!
Was wäre dann für Sie „weltlich“?
Ich traue es mich fast gar nicht zu sagen: Unmenschlich.
Wieso trauen Sie sich nicht…
Nun, es stammt wohl noch aus einer Zeit, als…
…alles Nichtkirchliche als verdammungswürdig angesehen wurde.
Möglicherweise. Jedenfalls birgt diese Ansicht viel Brisanz.
Wieso?
Na, vielleicht ist manchmal weltliches viel geistlicher, als man vermuten mag.
Und umgekehrt.
Und umgekehrt. In meinen Kantaten musste ich damals Texte vertonen, die mir eigentlich ziemlich zuwider liefen.
„Gott ist ein Gott, der täglich droht. Willst Du Dich nicht bekehren, so ist sein Schwert gewetzt…“
Puuh - Ja! Ich empfinde das heute als zutiefst weltlich - eben unmenschlich!
Und das in einer „geistlichen“ Kirchenkantate!
Verstehen Sie mich?
Ich fürchte ja.
Was soll denn auch an „süßem Kaffee“ weltlich sein?
Eigentlich nichts! Und Kirchenmusik? Was ist das denn nun in ihren Augen - Kirchenmusik?
(lacht)
Tja… natürlich geistliche Musik!
Zur Todesstunde... (April 2010)
„…und um die neunte Stunde… schrie Jesus abermals laut und verschied“, lesen wir im Evangelium des Matthäus. Die neunte Stunde, nach der jüdischen Tageszeitberechnung 3 Uhr nachmittags, war in der jüdisch-christlichen Tradition immer ein ganz besonderer Moment. Und zwar an jeden Tag. Aus diesem Grund läutet um 15 Uhr in der Martinskirche immer noch Tag für Tag die Glocke. Und interessanterweise ist es jedes Mal die Totenglocke („Kreuzglocke“), die die Kirchheimer Bevölkerung an das eigene Sterben erinnert.
In der Tradition des christlichen Stundengebets wurde diese Stunde „absoluter Gottverlassenheit“ immer mit der Lesung von Psalm 22 begangen. Der Eingangsvers „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ war nach der Erzählung des Evangelisten Matthäus ja auch der letzte Aufschrei Jesu vor seinem Tod. In der „Sext“ (dem 15 Uhr-Stundengebet) an Karfreitag wurde zusätzlich in ausgedehnten Gesängen der 7 Wundmale Christi gedacht. Aus einem dieser Gesänge, dem „Membra Jesu nostri“, hat Paul Gerhardt übrigens das bekannte „O Haupt voll Blut und Wunden“ dichterisch abgeleitet. Schon früh wurde die „Todesstunde Jesu“ sehr feierlich und umfangreich ausgestaltet. Gehört der Karfreitag doch zu den wenigen in der Bibel wirklich auf den Wochentag festzulegenden Ereignissen. Von regelrechten Passionsspielen im Mittelalter bis hin zu musikalischen Passionsaufführungen oder modernen Kreuzwegen - immer wieder suchten Menschen nach spirituellen Zugängen zu dieser besonderen Stunde. Auch in der Martinskirche finden seit einigen Jahren ausgedehnte Passionsmusiken zur „Todesstunde Jesu“ statt. In diesem Jahr erklingt das herzergreifen-
de „Stabat mater“ des böhmischen Romatikers Antonín Dvořák, das Johannes Brahms zu den bedeutendsten Werken des Komponisten zählte. Ebenfalls schon traditionell wird diese Karfreitagsmusik fast ausschließ-lich durch Kirchheimer Musiker bestritten. Auch das „Stabat mater“ ist (wahrscheinlich) ein dichterischer Abzweig des „Membra Jesu nostri“, indem die Christenheit intensiv am Leiden der Mutter Jesu teilnimmt. Und wenn nach dem letzten Akkord eine kurze Stille einsetzt und anschließend die „Kreuzglocke“ der Martinskirche das Konzert beendet, dann verkündet sie, was in ihr eingraviert wurde: „ER ist unser Friede!“
Weibliche Endung (Februar 2010)
Wenn Musiker mit Worten umgehen könnten, wären sie keine. Nur so ist zu erklären, warum es musikalische Fachbegriffe wie „Takterstickung“, „Durchgangsnote“ oder „Falschbass“ gibt. Oder „Weibliche Endung“. Überflüssig zu erwähnen, dass mit dieser Umschreibung eine Auffassung der Geschlechterrollen verbunden ist, die nicht unbedingt als allgemeingültig anzusehen ist. Als WE wird der Schluss eines Musikstücks auf einer unbetonten („weichen“) Taktzeit bezeichnet. Anders ausgedrückt: Es ist ein fast beiläufiger Schluss. Und – Achtung: Es folgt ein weiterer Fachbegriff! – ihm geht meist ein „Vorhalt“ voraus. Ja – Und?
Hören wir auf die alten Worte des Musiktheoretikers Alypios (4. Jh.):
„Endet ein Musikstück männlich d.h. auf einem Schwerpunkt, so gibt dessen Dominanz dem Publikum eine bestimmte musikalische Deutung vor. Eine weibliche Endung hingegen bleibt unbestimmt und lässt viele unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten offen.“ Offen gestanden: mir gefällt das! Es gibt doch kaum Langweiligeres und Trüberes als unbestrittene Wahrheiten und fraglose Klarheit, womöglich noch mit der Faust auf dem Tisch unterstrichen. Momente, die die Fantasie anregen und unendlich Raum lassen, um immer wieder neuen Aspekten nachhängen zu können – wenn das „weiblich“ sein soll, dann können die sich dadurch angesprochen Fühlenden doch ganz gut damit leben, oder - ?
Mit einem schmerzhaften Vorhalt beginnt auch Antonin Dvoraks „Stabat Mater“, das der Chor an der Martinskirche zusammen mit Instrumentalisten und Vokalsolisten am Karfreitag um 15 Uhr zur „Todesstunde Jesu“ aufführen wird. Eigentlich ist das gesamte Stück ein monumentaler Vorhalt, eine Dissonanz, die auf einer schweren Taktzeit steht und sich durchweg aufzulösen bestrebt ist. Dvorak selbst beschreibt seine Trauermusik als „Darstellung der leidenden Mutter Erde angesichts der Schmerzen, die Menschen sich gegenseitig zufügen“. Um es vorweg zu nehmen: Im Schlusschor löst sich dieser schier endlose Vorhalt zu einem versöhnenden und harmonischen D-Dur-Akkord auf. Es ist eine „weibliche Endung“ in Großformat. Und Dvorak ist nicht so naiv oder vielleicht wirklichkeitsfremd wie Beethoven, um die Auflösung mit Pauken und Trompeten zu begleiten. Das Knäuel löst sich einfach Faden für Faden auf. Unbetont, fast beiläufig. Kaum bemerkt. Wie von selbst...
Bach schrieb nie ein Weihnachtsoratorium (Dezember 2009)
Es kursiert doch tatsächlich eine Liste derjenigen Städte mit der höchsten Aufführungsdichte des Bachschen Weihnachtsoratoriums. Uneinholbar an der Spitze liegt die Bundeshauptstadt Berlin mit 10 Aufführungen innerhalb des letzten Jahres. Dabei schrieb Johann Sebastian Bach eigentlich nie ein Weihnachtsoratorium. Sie glauben es nicht?
Was ist das eigentlich, ein Oratorium? Zunächst einmal bezieht sich dieser Begriff auf den Aufführungsort. Im Betsaal (orare= Gebet) eines Kirchengebäudes fanden in der Regel betrachtende Meditationen statt, während die große Messe im Kirchenschiff gefeiert wurde. Betrachtungen und Musik – das ging schon immer gut zusammen. Bis dahin, dass Lesung, Gemeindegesang und betrachtende Homilie zunehmend zu einem musikalischen Gesamtwerk verschmolzen. Wie beim Bachschen Weihnachtsoratorium. Aber nur „wie“!
Gehen wir’s einfacher an: Bach schrieb sechs Kantaten für den engeren Weihnachtsfestkreis. Verbindende Klammer ist der fortlaufende Evangelientext, wie es der Leseordnung für die entsprechenden Feiertage entsprach. Doch, man muss hier schon wieder einwenden: Komponiert hat er die sechs Kantaten eigentlich nicht, sondern nur mit Teilen aus früheren Werken zusammen gestellt. „Jauchzet, frohlocket“ entstammt der Kantate „Tönet, ihr Pauken“, die anmutige Arie „Bereite dich, Zion“ ist der Kantate „Herkules am Scheidewege“ entnommen usw. Zusammenhängend aufgeführt hat Bach diese Kantaten nie. Die erste Aufführung als „Oratorium“ erfolgte 1844 in Breslau. Warum ist das Weihnachtsoratorium aber nur „wie“ ein Oratorium gestaltet?
Bachs WO ist im Grunde genommen „lediglich“ eine Aneinanderreihung von Kantaten, die dem lutherischen Gottesdienst seiner Zeit angepasst sind. Es sind in sechs sich abgeschlossene Gebilde. Eine übergeordnete musikalische Dramaturgie fehlt. Ich langweile Sie jetzt sicherlich. Da unterscheide ich mich von der wunderschönen Musik des Bachschen Weihnachtsoratoriums!
Herbstlaub (September 2009)
Über welchen Lebensbereich wurde wohl mit Abstand die meiste Musik komponiert? Über die Liebe? Vielleicht! Doch, dann geht es dabei wohl um sehr viel Tieferes. Es geht um Vergänglichkeit. Die Flüchtigkeit von Reichtum, Liebe und dem Leben an sich. J. S. Bachs schönste Kantaten sind Sterbekantaten, Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ gehört zu den delikatesten Gesängen der Musikgeschichte überhaupt – und sie handelt von unerwiderter Liebe und Vereinsamung.
Oder Herbert Grönemeyers melancholischer Quotenhit „Der Weg“ mit dem wenig optimistisch stimmenden Schluss: „
Ich trag‘ dich bei mir, bis der Vorhang fällt.“ Musik liebt solche Themen, denn es sind ihre ureigendsten. Wohl keine andere Kunstrichtung ist der Vergänglichkeit so überlassen, wie die Tonkunst. Sobald die Lippen das Trompeten-mundstück verlassen oder sich die Finger von den Orgeltasten entfernen, gibt es keine Musik mehr. Hierin liegt übrigens genau der Grund, warum der Einzug der Elektrizität in die Musikkultur von Vielen bis heute mit Argwohn betrachtet wird – angefangen beim elektrischen Orgelmotor. „Musik ist nur im Verklingen schön“, schreibt Hermann Hesse, oder anders mit einer Abwandlung eines Kästner-Zitats ausgedrückt: „Es gibt keine Musik, außer man bringt sie zum Erklingen.“ Und zwar jeder für sich.
Die gegenwärtige Zeit der unbedingten Lebenserhaltung und – sicherung ist für echte und ursprüngliche Musik eine denkbar schlechte. Denn Konservierung ist wohl bei alten Fachwerkhäusern oder Gemälden denkbar, nicht aber bei der Musik. Das allmorgendlich in der Wüste aufzusammelnde Manna ist ein Sinnbild für die „geistlichste aller Künste“ (Karl Barth). Musik ist unfassbar und unbegreiflich wie die Liebe und das Leben und wie Gott selbst.
Am 24. Oktober findet um 17.00 Uhr in der Martinskirche wieder eine Flötensoiree des Flötenensembles der Martinskirche zum Thema „Herbstlaub“ statt. Texte über die „Schönheit der Vergänglichkeit“ werden mit ungewöhnlicher Flötenmusik von Tomaso Albinoni bis zum Jazz-Komponisten Glen Shannon in Verbindung treten.
…Haben Sie eigentlich von der Entdeckung einer 37.000 Jahre alten Flöte auf der Schwäbischen Alb gehört? Sie wurde von Homo sapiens gebaut. Neandertaler waren dagegen an der vergänglichen Tonkunst nicht sonderlich interessiert. Es gibt sie nicht mehr.
Cum organo pleno...! (Februar 2009)
So akribisch Buxtehude, Bach oder Reger ihre Orgelkompositionen aufgeschrieben haben, so nachlässig sind sie mit Registrieranweisungen umgegangen. Das Klanggewand von Präludium und Fuge wurde weitestgehend
der Ansicht des Interpreten anbefohlen. Jedoch - eine Anweisung findet sich immer wieder. Und seltsamer Weise eine zutiefst missverständliche dazu: „Cum Organo Pleno“ – Mit der „vollen“ Orgel. Was „voll“ aber bedeutet, darüber sind in Fachlektüren Seiten voll geschrieben worden, denn natürlich geht es nicht um Lautstärke oder die Menge der erklingenden Register. Was aber dann?
Es geht um die Qualität der erklingenden Register! Manchmal klingt nämlich eine Orgel nicht besonders „voll“, wenn sämtliche Register tönen. Manche Schwingungen heben sich gegenseitig auf, manche Klangfarben verdecken sich und „berauben“ sich gegenseitig der Luft. Ein versierter Organist wird deshalb eine Klangfarbenkombination wählen, die der Orgel zu einer kräftigen Fülle verhilft. Der Komponist Georg Philipp Telemann schrieb bei seinen Kompositionen deshalb statt „laut“ oder „leise“ gern „stark“ oder „mit schwächerem Ton“ (auch interessant: In der Musik ist Schwäche unbedingt gewollt!).
Das gesamte Jahr 2009 ist ein Jahr, in dem sämtliche Orgeln des Ev. Kirchenbezirks Kirchheim in Konzerten, besonderen Gottesdiensten oder Orgelführungen zum Erklingen gebracht werden. Der Kirchenbezirk verfügt über eine einzigartig bunte Orgellandschaft mit bedeutenden Dokumenten der beiden lokalen Orgelbauer Johann Andreas Goll (1751-1823) und Johann Viktor Gruol (1766-1835), aber auch „schwächeren“ Instrumenten, die von Fachleuten kaum gewürdigt, dennoch Gottesdienst für Gottesdienst ihren bescheidenen, aber grundsoliden Dienst tun. Und ob ein Instrument schwach oder stark ist, hängt natürlich in erster Linie davon ab, welche Aufgaben es zu erfüllen hat.
Aus diesem Grund wurde für diese Orgelmusik-Reihe ein Programm mit Komponisten ausgewählt, die zwischen Neckar und Donau mit und für die Orgel gewirkt haben und mit einigen der „Kirchheimer“ Orgeln sogar in Verbindung zu bringen sind. „Organo Pleno – Die Orgellandschaft unter Teck“ ist die Veranstaltungsreihe überschrieben. Ernst Leuze und ich werden für „volle“ Orgeln sorgen. Helfen SIE mit, dass es auch volle Kirchen werden!
Was also ist Zeit…? (Oktober 2008)
Wahrscheinlich gibt es keine bessere Möglichkeit, dem Phänomen „Zeit“ ein wenig auf die Spur zu kommen, als über die Musik. Vielleicht wurde auch deshalb die Tonkunst seit dem Alten Testament als besonders „heilige“ Kunstrichtung angesehen. Musik lebt oder stirbt nämlich mit der Frage, wie ein akustischer oder ein Zeitraum mit Schwingungen gefüllt wird. Der griechische Philosoph Pythagoras war der Ansicht, mit der Mathematik könne man Gott „auf die Schliche“ kommen, weil das gesamte Universum „berechenbar“ sei. Und Musik sei hörbare Mathematik.
Alte Meister der Musik wie Josquin Desprez oder Guilaume Marchaut verstanden sich auch ganz im Sinne dieser Theorie. Ihre Kompositionen, so meinten sie, seien Abbilder der Schöpfung und somit ihres Schöpfers. Denn sie komponierten nach Berechnungen der Planetenumlaufbahnen oder Bauplänen gotischer Kathedralen. Ich hoffe, ich langweile Sie nicht, aber wußte Sie, dass selbst Bach noch nach dem energetischen Prinzip der Ellipse komponierte? Speziell an dem sogenannten „Toten Punkt“, wo bei der elliptischen Bewegung ein Gegenstand beinahe zum Stillstand kommt, finden wir in seinen Werken extreme Spannungs-zunahmen, die sich dann, wiederum wie bei der Ellipse, in einer immensen metrischen Kraft entladen. Auch moderne Theoretiker der Zeit sprechen von diesen energiegeladenen Punkten…
Am 15. November lädt Sie die Martinskirchengemeinde um 19.30 Uhr zu einer außergewöhnlichen Flötensoiree in den Chor der Martinskirche ein. Das Flötenensemble der Martinskirchengemeinde wird sich musikalisch genau mit dem Thema „Zeit“ und seinen vielen Fassetten befassen. Dabei erklingen Kompositionen von Josquin Desprez, Francois Couperin, Ludwig van Beethoven, Arvo Pärt u.a. die mit „Zeitaspekten“ experimentieren. Zwischen den dargebotenen Stücken gibt es Textlesungen vom Kirchenvater Augustinus bis hin zum Komiker Heinz Erhardt. Der Eintritt ist frei.
Insbesondere der Jazz befasste sich ja erneut mit den alten Erkenntnissen über die elliptische Bewegung in der Musik. Das, was der barocke Komponist Jean-Philippe Rameau noch „Inégalité“ nannte, hieß im Jazz fortan: „Groove“. Ich finde es ungeheuer spannend, dass der große Jazzkomponist Duke Ellington in seinem „Sacred Concert“ die Zeitlosigkeit der jenseitigen Welt genau mit dieser Kompositionstechnik zum Ausdruck bringt. Grob gesagt bedeutet für ihn „Gleichmaß“ Diesseitigkeit während das „Göttliche“ in der Unregelmäßigkeit des „Swing“ dargestellt wird.
Am 29. November wird dieses „Sacred Concert“ von Duke Ellington in einer Kooperationsarbeit zwischen den Musikschulen Kirchheim und Korntal-Münchingen unter der Leitung von Christina Hoff und Ralf Sach in der Martinskirche aufgeführt. Auch hier ist der Eintritt frei.
Und auch das hat etwas mit dem Phänomen „Zeit“ zu tun: Geplante und „wirkliche“ Zeit streben unvereinbar auseinander: Leider muss deshalb in diesem Jahr das Konzert „Geschenkte Stunde“ am 26. Oktober um 3.00 Uhr nachts entfallen.
Oder findet es doch statt…?!
Dann aber nur in seiner „Ursache“, nicht in seiner „Wirkung“, wie es Pythagoras einmal lächelnd ausdrückte.
"Kann Musik sprechen?" (Juni 2008)
Wenn mich meine Mutter früher nach Hause rief, konnte ich relativ schnell an ihrem Tonfall ablesen, welche Qualität ihre Erwartungshaltung hatte. Erwartete mich Angenehmes oder Bedrohliches? Sollte ich mir mit meinem Heimgang ruhig noch etwas Zeit lassen, oder harrte meiner ungeduldig eine freudige Überraschung?
Der Ton macht die Musik. Und tatsächlich: Für Neugeborene ist es scheinbar weniger bedeutend,
was gesagt wird, als vielmehr, wie es "rüberkommt". Tiere reagieren überhaupt nur auf bestimmte Laute. Ich kann sagen, was ich will, wenn die Sprachmelodie von meinem Hund oder Pferd nicht erkannt oder missinterpretiert wird, kann ich mir eigentlich die Luft sparen. Mich tröstet dieser Gedanke übrigens immer dann, wenn ich mich im Nachhinein über Gesagtes ärgere. Denn an meinen Sprachduktus kann ich mich dann oftmals gar nicht mehr erinnern, und vielleicht war der ganz anders als der Inhalt meiner Worte...
Kann Musik sprechen? Ein kleines Experiment: Sprechen Sie einmal die erste Liedzeile von "Wer nur den lieben Gott lässt walten" (EG 369). Achten Sie genau darauf, welchen "Melodiebogen" Ihre Stimme vollzieht. Welches Wort ist Ihnen wichtig? "Lieben" oder "Gott"? Oder "Walten"? Wenn Sie mir Ihrer Sprachversion zufrieden sind, singen Sie anschließend einmal die Gesangbuchmelodie und beobachten, wie verwandt sich die gesungene zu der gesprochenen Tonfolge zeigt. Ein bekannter Hymnologe meinte einmal überspitzt, in vielen Kirchenliedern gäbe es eine unnötige Doppelung zwischen Text und Melodie, weil die Melodie ohnehin nur das wiedergebe, was im Text vorhanden sei. Oder auch umgekehrt.
Musik spricht also immer dann, wenn wir verstehen, was eine bestimmte Tonfolge aussagt, und, Hand aufs Herz: Können Sie sich unter der Melodie von "Wer nur den lieben Gott lässt walten" einen anderen Text vorstellen, der inhaltlich etwas völlig konträres sagt, als der Bestehende? Das kommt aber vor!
Insbesondere dann, wenn sich der Komponist seinen Text nicht selber aussuchen durfte, wie etwa bei vielen Bach-Kantaten. Die Musik nimmt dann gern die Rolle des texthinterfragenden Diskussionspartners ein. Spätestens an dieser Stelle wird klar, warum die Musik nicht unbedingt einen Text benötigt, um in ihrer Aussage verstanden zu werden.
An Stuttgarter Grundschulen gab es einen Versuch. Kinder sollten unabhängig voneinander zu denselben Musikstücken unterschiedlicher Gattungen Bilder malen. Das Ergebnis war verblüffend: Gleiche musikalische Sachverhalte führten zu ähnlichen Bildmotiven. Musik kann also sprechen! Hören Sie einmal genauer hin. Vielleicht ruhig auch mal am vertonten Text vorbei...
„In der Tiefe…ist der Mensch auf der Höhe“ (Februar 2008)
Neulich gab die Bergsteiger-Ikone Reinhold Messner in einem Interview zu, dass er nie zu sagen wusste, warum ihm die eine oder andere Gipfelerklimmung geglückt sei. Ursachen für Misserfolge zu finden, sei hingegen im Nachhinein sehr viel einfacher. Nur stelle man sich leider viel zu selten die Frage, warum etwas Geplantes wunschgemäß verlief. Eher überraschten dagegen Tiefschläge.
Die vielfach prämierte Kunst der beiden Komödianten Vicco von Bülow (Loriot) und Olli Dietrich wurde in einem FAZ-Artikel neulich als deshalb so erfolgreich bewertet, weil sie in ihrem Kern zutiefst tragisch, ja resigniert sei. Sie käme aus den „tiefsten Tiefen der menschlichen Gefühlswelt“. Und was lachen mache, sei eigentlich die Kehrseite allertiefster Trauer. Betrachtet man die Kunstgeschichte, so sind es sicher nicht die rosarot beschwingten Stilleben oder Gedichte, die die Zeit überdauert haben, sondern gerade die unheimlichen, weil nicht durchschaubaren, aber zutiefst anrührenden („Das hat sehr mit mir zu tun!“) Kunstwerke.
Der Komponist Robert Schumann war 1852 bereits unheilbar erkrankt, als er in seiner Eigenschaft als Städtischer Musikdirektor von Düsseldorf, begann, ergreifende Kirchenmusikalische Werke zu schreiben. Die sogenannte „Musica sacra“ war darunter, eine Messe und das erschütternde Requiem Des-Dur. Insbesondere das letzt genannte Werk zeigt den oft als „liebenswert freundlich“ bezeichneten Komponisten vom „Fröhlichen Landmann“ oder der „Frühlingssymphonie“ von einer beinahe unheimlichen Seite. Die Auseinandersetzung mit den tiefsten Ängsten der Menschlichen Existenz - der vor der Apokalypse - treibt Schumann in eine Klangsprache, in der überbrachte Kompositionsregeln kaum noch zu gelten scheinen. „Das ‚Dies Irae‘ (Tag des Zorns) macht mich zu einem einsamen und verlorenen Menschen. Warum zeigt sich mir nichts, was rettet?“ schreibt Schumann während der Kompositionsarbeiten an Eduard Hanslik.
Wir fühlen uns an die Suche nach einem „gnädigen Gott“ Martin Luthers oder den Anfechtungen des Heiligen Antonius erinnert. Oder an Jesu Ruf am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. In der Kantate des jungen Johann Sebastian Bach „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“ gerät der Schlusschor „Meine Seele harret, und hoffet auf dein Wort“ beinahe zu einer Antwort auf das gequälte Ringen „Absolve me“ (Reinige mich) im Schumannschen Requiem .
Wie zeitlos und unendlich schön, als ob das Warten auf Gottes heilende Gegenwart an sich schon heilend ist, pendelt dieser Satz wie eine alte Standuhr zwischen den Tonarten hin und her und endet nicht etwa in der Ausgangstonart, sondern in der sogenannten Dominante. Es bleibt eben ein Warten. Aber ein zutiefst vertrauensvolles. Mehr Menschsein geht nicht, als im unendlichen Vertrauen.
Diese beiden eindrucksvollen Werke werden Karfreitag, am 21. März um 15.00 Uhr, zur „Todesstunde des Herrn“ in der Martinskirche erklingen. Es musiziert der Chor an der Martinskirche, das Schwäbische Kammerorchester und Mitglieder der Stadtkapelle Kirchheim. Die Leitung hat Ralf Sach. Herzliche Einladung dazu!
Musikalische Ökumene? (Dezember 2007)
Können Sie sich eine Musik ohne Dissonanzen vorstellen? Eigentlich sind schon zwei unterschiedliche Stimmen, die gleichzeitig erklingen, dissonant. Dissonanz bedeutet nämlich lediglich „Klangunterschied“. Das Gegenteil von Dissonanz ist Konsonanz („Klanggemeinschaft“).
Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Bedeutung dieses Begriffs stark verändert: Im 11. Jahrhundert betrachtete man schon ein zweistimmiges Stück als durch und durch dissonant, egal ob das Klangergebnis als wohlklingend zu betrachten war oder nicht (man musizierte bis dahin ausschließlich einstimmig!). Zur Zeit Johann Sebastian Bachs wurden Töne, die nicht zum Dreiklang gehörten, als dissonant betrachtet. Diese mussten nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten wieder in eine Konsonanz überführt werden (Bach hielt sich nicht immer daran, und überführte den dreiklangs-fremden Ton zuweilen in eine neue Dissonanz!). Im Jazz, in der man faktisch keine reinen Dreiklänge kennt, nennt man wiederum solche Akkorde dissonant, die die vorher festgelegte Akkordfolge („Sheet“) durchbrechen.
Und „Durchbrechen“ ist ein gutes Stichwort, denn jede Dissonanz war zunächst ein musikalischer Gesetzesbruch, der dann stets im Nachhinein durch Musiktheoretiker legalisiert wurde. Also: Können Sie sich nun eine Musik ohne Dissonanzen vorstellen? Am 16. Dezember findet um 19.30 Uhr in der Martinskirche ein Weihnachtskonzert statt, in dem ein ausgesprochen Katholisches und ein Evangelisches Werk zur Aufführung gelangt.
Diese „Konfessionszugehörigkeit“ lässt sich nicht (nur) vom Text her ableiten, der dieser Musik zugrunde gelegt ist. Allein die Musik verrät die Gesinnung ihres Komponisten. Das Oratorium „Stern von Bethlehem“ des Münchener Kompositionsprofessor Joseph Gabriel Rheinberger leitet sich aus ständigen Veränderungen eines einzigen Motivs („Sternmotiv“) ab. Dieses Motiv begleitet die Weisen aus dem Morgenland, natürlich nicht immer sichtbar (hörbar!), zur Krippe Jesu. Es wäre nun ziemlich anmaßend, wenn Rheinberger dieses Motiv selbst erfunden hätte! Hat er aber nicht. Es wurde aus dem Gregorianischen Choral „Gloria in excelsis Deo“ abgeleitet. Mit dieser kompositorischen Umgangsweise versinnbildlicht Rheinberger die sogenannte „Apostolische Sukzession“, die Katholische Tradition von der Kontinuität der zur Kirche gehörenden Glaubenden seit Christi Geburt.
Der Protestant Felix Mendelssohn-Bartholdy verfährt in seiner Kantate über das Weihnachtlied „Vom Himmel hoch“ völlig anders. Er konfrontiert Martin Luthers Lied mit seinen eigenen musikalischen Ideen, die er keineswegs den melodischen Gegebenheiten dieses bekannten Weihnachtsliedes unterwirft, sondern sie diesen selbstbewusst und machmal hinterfragend gegenüber stellt. Wenn man „Ökumene“ mit „Hausgemeinschaft“ übersetzen will, dann wird in diesem Konzert die Dissonanz zwischen diesen beiden Werken als wirkliche und echte Harmonie wahrnehmbar sein, eine Harmonie nämlich, die aus liebenswerten Kontrasten besteht.
Wie geistlich ist weltliche Musik - ? (Oktober 2007)
Machen wirs kurz: Es gibt weder weltliche noch geistliche Musik. Es gibt nur solche Musik, die verborgenere Schichten der menschlichen Existenz anspricht, und solche, die sich mit der kurzfristigen Befriedigung vordergründiger Bedürfnisse zufrieden gibt. Insofern spielt der in Musik gesetzte Text weniger eine Rolle als die musikalische Grundaussage an sich. Wir kennen unzählige Beispiele von schwachen und nichtssagenden Texten, die in zu Herzen gehender Musik gekleidet sind. Und natürlich auch umgekehrt. Die Unterscheidung zwischen „geistlich“ und „weltlich“ wurde auch meist von Verantwortungsträgern vorangetrieben, die nur äußerst vordergründige musikalische Kompetenzen besaßen. Bach und Händel und Mozart und Beethoven haben den Begriff „Geistliche Musik“ nie in den Mund genommen (man denke nur an den berühmten „Gesang der Geharnischten“ aus Mozarts „Zauberflöte“, einer Choralbearbeitung über ein Lied von Martin Luther!). Mit dieser Feststellung hätte sich dann wohl auch die leidige Diskussion um Pop, Volkslied oder Klassik (auch alles sehr schwammige Begriffe!) in der Kirche erübrigt. Es ist eine jener typischen Diskussionen, die die Frage nach dem Subjekt hinter der kleidenden Fassade geschickt vermeidet.
WARUM SCHREIBE ICH IHNEN DIES ALLES?
In der 2. Halbzeit der „Kirchenmusik 2007 an der Martinskirche“ finden zwei scheinbar diametral entgegen gesetzte Konzerte statt: Am 15. September (jetzt schon vorbei): Lieder und Tänze aus dem zum Teil entkirchlichten Spanien des 17. Jahrhunderts und am 25. November: Gregorianische Musik des Hohen Mittelalters. Welche Veranstaltung wäre nach Ansicht der oben beschriebenen Formalisten wohl als „weltlich“ oder „geistlich“ einzuordnen? Natürlich empfinden wir heute Gregorianische Musik als Urtypus religiöser Musik. Dabei wird allerdings vergessen, dass Gregor I. mit seiner Liturgiereform, woraus ja der Gregorianische Choral entstanden ist, ganz menschlich nach irdischer Macht schielte (Vereinheitlichung bewirkt wirkungsvollere Kontrolle!). Auch die Grimmschen Märchen werden heute ja als der reale Ausgangspunkt der Deutschen Einheit im 19. Jahrhundert angesehen. Andererseits war im zum Teil dekadenten Spanien des 17. Jahrhunderts die Kunst, und kam sie in noch so „weltlichem“ Gewand daher, einzige Trägerin von gesellschaftlichen und religiösen Grundwerten, weil die Kirche dieser Aufgabe nicht mehr ausreichend nachkam. Die Frage nach dem Dahinter ist für die Bewertung von Musik also von ganz entscheidender Bedeutung. Oft lenkt der vertonte Text nur von dieser Fragestellung ab. Vielleicht denken Sie ja mal daran, wenn Sie bei Ihrer nächsten Wanderung „Im Frühtau zu Berge“ anstimmen...
Neues aus dem Orgelkrankenhaus (August 2007)
Der berühmte Musiwissenschaftler und Komponist Michael Praetorius (1571-1621) verglich in seiner Schrift „De organographia“ die Orgel mit dem menschlichen Körper. Der Tretbalg sei die Lunge der Orgel, das „Antlitz“ natürlich der Orgelprospekt, die Klaviatur sei den Zähnen vergleichbar (warum ist an der Martinskirchenorgel nur so viel Schwarzes zwischen den Zähnen...?), tja und die Pfeifen unterscheiden sich in Lingual- (Zungen-) und Labial- (Lippen-) Pfeifen.
Schon damals nahm ein Kritiker dieser Schrift diesen Vergleich aufs Korn und witzelte, es sei nicht ganz klar, ob mehr Pfeifen in der Orgel drin ständen oder davor säßen! Und natürlich ist das Wort „Organ“ (lat.=Werkzeug) eng mit Begriff „Orgel“ verwandt. Dass die Orgel ihre Luft nicht aus dem menschlichen Atem bezieht, sondern gleichsam von außen zugeflößt bekommt, haben Orgelfachleute im 16. Und 17. Jahrhundert immer als Synonym für den Wind und das Wirken des Heiligen Geistes verstanden.
Praetorius konstatiert in seiner Schrift „Die Orgel liget gleichsam an der Schwindtsucht danieder, weill vielle Orgelwercke kranck und siech den Herren loben und ihn preysen müssen und haben nichtenmals genugsam Lufft, ein Aleluja anzustimen.“ Viele Orgelbauer haben in den letzten Wochen die Orgel der Martinskirchenorgel in Augenschein genommen und mich dann anschließend mit dem Blick eines eine schwere Krankheit diagnostizierenden Arztes angesehen. Mit Medikamenten, Kuren und Rehabilitationen sei es bei dieser Orgel nicht mehr getan, es müssten mittelfristig umfassende Organtransplantationen vorgenommen werden, um die Lebenserwartung dieses Instruments wieder zu erhöhen.
Ein erster Eingriff, die Ausreinigung und der Austausch von Verschleißteilen der Orgel, wurde ja bereits vom Kirchengemeinderat der Martinskirche beschlossen. Dankenswerter Weise sind auch schon namhafte Spenden für diesen ersten Schritt eingegangen. Nach wie vor fehlt aber ein großer Differenzbetrag, der den Patienten Martinskirchenorgel wieder einen optimistischeren Blick in die Zukunft geben kann. Spenden Sie deshalb für eine Zukunft der über die Stadtgrenzen Kirchheims hinaus wirksamen Orgelmusikpflege an der Martinskirche!
Der aufregendste Ort der Welt... (Juni 2007)
Der letzte Orgelschüler war gegangen, ich packte meine Siebensachen zusammen, verschloss den Spieltisch der Orgel, als sich ein etwa 9-jähriger Junge vor mir selbstbewusst aufbaute. „Ich kann Keyboard spielen“, eröffnete er mir, „ich bin echt gut. Ist das da auch so was wie ein Keyboard?“ Dabei zeigte er auf den Spieltisch der Martinskirchenorgel. „Naja, so was ähnliches“, antwortete ich lustlos, nach vier Orgelschülern am Stück mich etwas genervt auf den Heimweg freuend. Meine abweisende Antwort registrierte er aber offenbar überhaupt nicht. „Wo geht die Maschine denn an?“ – „Mmmh, das ist nicht so einfach wie beim Keyboard..“ – „Ah, bestimmt hier..!“ –
Der halbwüchsige Quirl hatte bereits mittels noch im Schlüsselloch steckendem Schlüssel den Spieltisch wieder geöffnet. Er las: „Licht an – Licht aus...nee, das ist es nicht! Hier: Motor an! Beim Keyboard ist es ganz genauso, nur das da kein Motor drin ist.“ Mich machte schon ein wenig neugierig, ob der selbstbewusste Blondschopf wohl ganz ohne meine Hilfe die Orgel zum „Laufen“ bekäme. „Geht die Orgel hier an - ?“ Immerhin: Er drückte nicht wahrlos einfach auf den Schaltern herum, sondern vergewisserte sich vorher, was er damit bewirkte. Dieser Umstand machte mich zunehmend vertrauensvoll.
Ich nickte etwas resigniert. „Das hier sind wohl die Sounds...“ - Er las: „Flöte - Was heisst das hier? Prinzipal? Ah, und hier: Trompete! Zieht man diese Hebel hier raus, um den Sound zu machen? Das finde ich beim Keyboard aber besser gelöst, nur kleine Druckknöpfe! Pass mal auf“ – Ich hatte vor ihm kapituliert – „Du machst mir mal einen coolen Sound, und spiel dir was vor. Kennst du das hier? Das ist von Keith Richards...“ Und dann war auch schon der dämmernde Martinskirchenraum erfüllt von wiegenden Bluesklängen, die ich als Sound-Verantwortlicher freundlicherweise mitgestalten durfte, während „ich bin übrigens der Micha!“ mit fiebrigem Eifer in die Tasten ging. „Kann man hier auch einen Hammond-Sound machen? Das passt besser zu Keith Richards! – Whow! Ja, das ist gut!“
Dezent bediente ich, durch meine Registriertätigkeit nicht ganz ausgelastet, mit dem linken Fuß nebenher einige untermalende Pedaltöne, die dem Meister am Tastenfeld offensichtlich ganz gut gefielen (er spielte übrigens wirklich sehr passabel!) „Kannst du auch Keyboard spielen?“ fragte er mich, „du machst das nämlich echt cool!“ „Nunja, ein wenig!“ (das war noch nicht einmal gelogen!) „Dochdoch, du machst das echt gut. Sag mal: Du kannst mir bestimmt sagen, wie man im ‚Blues-Sheet‘ ein ‚Quick Change‘ einbaut.“ Ich schüttelte demütig und wirklich vollkommen unwissend den Kopf „Kein Problem“, gab der kleine Organist keck zurück, „wenn ichs raus gekriegt habe, sag ichs dir! - Sag mal: Wie heißt du eigentlich?“ – „Ralf!“ – „Ah, den Namen muss ich mir merken!“.
Nach einiger Zeit des vertieften gemeinsamen Improvisierens musste mein kleiner „Orgellehrer“ zum 18 Uhr Schlag dann pünktlich nach Hause und ich saß noch lange nachdenklich am Spieltisch und dachte an das Zitat des ehemaligen Chefs von „General Electric“: „Wir müssen aus unserem Unternehmen wieder den aufregendsten Ort der Welt machen..!“
Zurück in die Zukunft (April 2007)
Bei einem Symposium mit dem selbstbewussten Thema „Kirchenmusik im 21. Jahrhundert“, das vor einigen Jahren in Trossingen stattfand, erhob ein teilnehmender Orgelprofessor die Forderung, schon jetzt müsse man die Kapitel eines Geschichtsbuch der zukünftigen Kirchenmusik schreiben. Ein Musikwissenschaftler antwortete darauf lapidar, er fände das auch durchaus reizvoll, nur sei leider dazu die Quellenlage noch weitgehend zu ungesichtet...
In diesem Jahr werden viele kirchenmusikalisch bedeutsame Gedenktage gefeiert: Dietrich Buxtehude, Paul Gerhardt, Orlando di Lasso, Alessandro Scarlatti. Abgesehen davon, dass solche Ereignisse immer wieder willkommene Themenlieferanten für Konzerte und Gesamtaufführungen und natürlich auch Absatzförderer von bibliographen Ladenhütern sind: Ich habe manchmal den Eindruck, dass es so herrlich einfach ist, die Kunstschätze vergangener Jahrhunderte museal zu pflegen, sie abzustauben und neu zum Glänzen zu bringen. Die Quellenlage ist da mehr oder weniger zugänglich und man kann sich ebenso mehr oder weniger auf gesichertem und ungefährlichem Terrain bewegen.
Am 06. April erklingt um 15 Uhr in der Martinskirche Bach Matthäus-Passion, heute eines der meist aufgeführtesten Werke der Musikgeschichte. Bach selbst musste sich damals allerdings dazu von dem breiten „Mainstream“-Pfad seiner Zeitgenossen weit entfernen und sich alleine durch unwegsames (und unsicheres!) Gelände einen begehbaren Weg bahnen. Heute wiederum ist dieser Weg zu einer breiten Autobahn geworden, von mehr oder weniger „fahrtüchtigen“ Musikbegeisterten befahren - Staubildungen inbegriffen!
Dietrich Buxtehude veranstaltete zu seiner Zeit in der Lübecker Marienkirche die sogenannten „Lübecker Abendmusiken“ als Wohltätigkeitsveranstaltungen für gesellschaftliche Randgruppen - Buxtehude war übrigens Sozialdezernent seiner Stadt! Könnten wir uns in Kirchheim eine Kirchenmusik-Kultur als Teil einer Sozialarbeit vorstellen, nach dem Motto: Die Kirchenmusik in der Martinskirche macht Kirchheim zu einer lebenswerteren und wohligeren Stadt?
Gedenktage machen heute dann für mich Sinn, wenn gleichzeitig nach den Paul Gerhardts, Dietrich Buxtehudes und Johann Sebastian Bachs unserer Tage gefragt wird, eben nach denen, die sich im Jahr 2007 alleine und scheinbar auf verlorenem Posten durch Wildnis einen Weg bahnen müssen und sich der Unbeweglichkeit einer auf Traditionen pochenden Mehrheit gegenüber sehen.
Der Swing-Gottesdienst „Swing to the sky“ am 17. Mai um 18.00 Uhr in der Martinskirche ist ein solcher Versuch, einen neuen, zeitgemäßen Blickwinkel auf das Himmelfahrtsgeschehen einzunehmen, zumal die darin erklingende Jazzmusik in ihrem Ursprung nicht in erster Linie für den kirchlichen Kontext gedacht war. Aber vielleicht ist der Blick an Konventionen vorbei ja oftmals unverfälschtere und echtere!
Die Quellenlage für die kommenden Jahre und Jahrhunderte ist für uns verschlossen. Von Franz Kafka ist aber der Satz überliefert: „Wege entstehen dadurch, dass wir sie gehen“. Und wo schon Wege sind, da bedarf es keiner neuen.