Pressespiegel

Orgelmusik macht die Welt himmlischer 
Orgelfahrt des Fördervereins Kirchenmusik nach München und Augsburg

Auch der Omnibus schien mit der Fahrt zunächst nicht einverstanden zu sein, denn Feuer speiend verweigerte er schon in Gruibingen die Weiterfahrt. Mit einem Ersatzbus wurde das erste Ziel im schönsten Herbstlicht doch noch rechtzeitig erreicht: die ehemalige Klosterkirche Fürstenfeldbruck. Auf den ersten Blick und nach wenigen Takten auf der Fux-Orgel von 1737 war allen klar: Hier, und nicht in München selbst, muss der Orgelhimmel sein. Dieser Ansicht war auch Bezirkskantor Ralf Sach, der die Instrumente ausgewählt hatte. 
 
Nach einem solchen unüberbietbaren Höhepunkt gleich zu Beginn müsste die Weiterfahrt zur supermodernen Orgel der Pfarrkirche Herz-Jesu einem Höllensturz gleichkommen, so befürchteten nicht wenige. Es kam ganz anders. Zwar kein barocker Orgelhimmel mehr, aber paradiesische Zustände mit einer spektakulären Orgel in einem futuristischen Kirchenraum, einem Architektur-Universum, das, zum Dauer-Event geworden, die Besucher in Massen anzieht. 
 
Professor Karl Maureen, der Titularorganist, berichtete stolz, dass zu den regelmäßigen Konzerten im Schnitt zehnmal so viele Besucher kommen wie in allen anderen Münch­ner Kirchen. Nach seiner brillanten Vorführung der Wöhl-Orgel – der Architektur mehr als ebenbürtig – wurde ihm das gerne geglaubt. Und bei der Vorführung in Form eines exquisiten Orgelkonzerts war Fürstenfeldbruck schon beinahe vergessen. Denn auch das moderne Instrument war auf die, allerdings experimentelle, Akustik perfekt abgestimmt. 
 
Bei jeder Orgelfahrt begegnet man ja nicht nur den Instrumenten, sondern auch ihren Spielern. Gelegentlich ist der Organist sogar faszinierender als die Orgel. Doch eine Orgel den Menschen nahezubringen, musikalisch, architektonisch, begrifflich und emotional, das gelingt nur ganz wenigen. Mit Bezirkskantor Ralf Sach hatten es die Orgeltouristen vergleichsweise gut. Von manchen Instrumenten ließ er sich spürbar inspirieren, bei anderen musste er sich länger auf die Suche machen nach dem musikalischen Kern. In solchen Fällen boten aber die architektonischen Besonderheiten der Orgeln und Kirchen genug Möglichkeiten für vergleichende Studien. Dabei ergaben sich manche Überraschungen: In der eher biederen neugotischen Kirche Sankt Johann Baptist von München-Haidhausen ließ ein seelenlos wirkender Attrappenprospekt das Schlimmste befürchten. Doch bei der Orgelvorführung zeigte sich das hemdsärmlige und zugleich süßliche Wesen einer spätromantischen Max-Reger-Orgel, deren Klänge berauschend durch die hallige Kirche fluteten. Prospekt und Instrument hatten rein gar nichts miteinander zu tun. 
 
Spätestens nach diesem Erlebnis war ein roter Faden dieser Orgelfahrt zu ahnen: Es gibt keine Orgel an sich; erst im Zusammenklang mit Architektur und Akustik wirkt das Instrument gut oder mittelmäßig, überragend oder miserabel. Schlagender Beweis: das Erlebnis in der Theatinerkirche. Es ist eine riesenhafte, reich stuckierte Barockkirche, allerdings in wenig ansprechendem Weißgrau. Die putzig klein erscheinende Orgel vor dem gigantischen Hochaltar versteckt sich fast ganz hinter einem grauen Vorhang. Aber welch ein Klang! Unbeschreiblich räumlich, rund und sinnlich, mächtig wie von einer Zauberorgel. In dieser Kirche müsste selbst ein Harmonium grandios klingen. 
 
Das glatte Gegenteil in Alt Sankt Peter, der letzten Station des Tages. Dort steht eine „Hochglanz-Orgel“ der weltberühmten Firma Klais (Bonn). Ihr Klang wirkte seltsam gebremst. Das konnte nicht nur am Organisten liegen, der wegen der Beichte nur „mit angezogener Handbremse“ spielen durfte. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass eine kriegszerstörte und wieder rekonstruierte Kirche akustisch nicht mehr so richtig funktionieren würde. Die Orgel-Fahrer waren indessen zu erschöpft, um dieser Frage noch nachgehen zu können. Erst in der Hotelbar stellte sich heraus, dass jeder etwas anderes erlebt hatte, die Meinungen aber so diffus blieben wie die Widersprüche in der ehrwürdigen Münchner Kirche. 
 
Da war das Glockenspiel mit seinen bewegten Figuren am Münchner Rathaus schon eindeutiger. Und das ungeheure Gedränge in der Innenstadt brachte schnell alle feinsinnigen Orgelgedanken zum Erliegen. 
 
Im evangelisch-lutherischen Sonntagsgottesdienst der gewaltigen Münchner Lukaskirche fanden sich wie in einem Brennpunkt alle Höhen und Tiefen der Orgelfahrt wieder: Glanz und Elend der Organisten, zum Beispiel, in ihrer Funktion als improvisierende Leerläufer, fantastische Kammermusiker an der Truhenorgel, als Störer auch eines atmenden Gemeindegesangs und Liturgiebelästiger schließlich in umständlichen Intonationen. Die A-Dur-Messe von Johann Sebastian Bach, vollständig in den liturgischen Ablauf integriert (oder umgekehrt), war eine Wohltat für orgelgeschädigte Ohren. Allerdings wird auch an der Isar nur mit Wasser gekocht, und nicht wenige Akteure konnten von Glück sagen, dass sie im Gottesdienst nicht von einem sachkundigen Rezensenten öffentlich beurteilt werden. 
 
Der Sonntagnachmittag führte durch die Augsburger Baustellen-Hölle zum dortigen Orgelhimmel in Sankt Ulrich und Afra. Erster Eindruck: überaus herrliche Altäre und ein über 400 Jahre alter Orgelprospekt. Die überbordende Begeisterung des Organisten, seit wenigen Wochen erst im Amt, ließ die Teilnehmer vergessen, dass sich hinter dem kostbaren Äußeren eine durch und durch moderne Orgel verbirgt. Deren Klang hat aber auch gar nichts mehr mit ihrem Gehäuse aus dem 17. Jahrhundert zu tun. Aber allen, die auf der engen, schon von Wolfgang Amadeus Mozart gescholtenen, Wendeltreppe zur Orgelempore mehr hinaufgekrochen als geschritten waren, kam‘s wiederum wie im Himmel vor unter dem einzigartigen Gewölbe, umtost von der berauschenden Klangflut einer großmächtigen Kathedralorgel. Da kamen historisch-kritische Bedenken noch nicht einmal bis an die Schwelle des Bewusstseins. 
 
Vorletzte Station: die Betonkirche Don Bosco – interessant, aber trist im nebligen Nachmittag. Auch die gar nicht so üble Sandtner-Orgel konnte die Stimmung nicht retten, so sehr sich der Organist auch abmühte. So hätte die Orgelfahrt grau in grau geendet, wenn nicht eine erst drei Jahre alte Sandtner-Orgel (schon wieder eine) die Ehre der Augsburger Kirchen und Orgeln gerettet hätte. In der stämmigen bayrisch-schwäbischen Jugendstilkirche Herz Jesu belohnte Ralf Sach die unverdrossenen Kirchenmusik-Freunde mit einem fulminanten, großen Bach-Präludium. 
 
Fazit nach zwei Tagen: Orgelmusik kann die Welt nicht erlösen, aber wenigstens ein Stück himmlischer machen. 
 
(Ernst Leuze im Teckboten vom 07.11.2012) 

 

Rund um den Bodensee: Orgeln ohne Grenzen 
Der Kirchheimer Förderverein Kirchenmusik lernte auf einer Dreiländer-Orgelfahrt acht unterschiedliche Orgeln kennen 

Bei der traditionellen Orgelfahrt des Fördervereins Kirchenmusik Kirchheim stand eine zweitägige Umrundung des Bodensees durch drei Länder mit acht Orgeln auf dem Programm. Die Auswahl der Orgeln und die kirchenmusikalische Gesamtleitung lagen in den bewährten Händen von Bezirkskantor Ralf Sach 
 
Orgelfreunde waren gespannt darauf zu erleben, inwieweit verschiedene Klangstile über Grenzen hinaus wirken oder aber auch wie Landesgrenzen verschiedene Stilrichtungen bewahren können. 
Auch Bezüge zur Heimat wurden gesucht. Ist doch die Bissinger Orgelbaufamilie Goll ein Beispiel dafür, dass – unter Brüdern – wer zu Hause blieb mit der süddeutschen Orgelbewegung zu kämpfen, und wer sich in die Schweiz absetzte, den Rücken frei für die Weiterentwicklung spätromantischer Ideale hatte. 
 
Am Anfang der Reise stand die Ev. Christuskirche Lindau-Aeschach. Dort ist eine 1903 von Ludwig Steinmeyer gebaute spätromantische Orgel als Denkmalinstrument erhalten. In den 1970er Jahren kam ein Instrument in barocker Stilrichtung hinzu, von Winfried Albiez 1973 fertiggestellt. Ralf Sach ließ mit einer Rheinberger-Sonate die dynamisch-füllige und zugleich sehr feine Romantik der Steinmeyer-Orgel erklingen, gefolgt von einem helleren und klareren, in sich ausgewogenen Klangbild mit Bachs Präludium und Fuge in C auf der Albiez-Orgel. 
Zum fulminanten Auftakt der Orgelfahrt geriet die aus dem Augenblick geborene simultane Gegenüberstellung beider Instrumente unter dem Motto „Barock trifft Romantik“. Ralf Sach an der Albiez-Orgel und Ernst Leuze an der Steinmeyer-Orgel stellten zunächst in improvisierendem Wechselspiel einzelne Register im direkten Vergleich vor. Zum begeisternden Hörerlebnis wurde dies schließlich, als die beiden Organisten sich improvisierend gegenseitig begleiteten. 
 
Der nächste Besuch galt im österreichischen Bregenz der 1931 fertiggestellten Orgel von Josef Behmann. Sie ist der gelungene Versuch, mit 60 Registern die Klangwelten von Spätromantik und barockisierender Orgelbewegung zu harmonisieren. Und sie zeigt, wie zeitlose Tugenden des Orgelbaus hochgehalten und in Fortschrittszeiten herübergerettet werden können. Organist Helmut Binder badete sichtlich in der enormen Klangfülle „seiner“ Orgel und ließ bei der Vorstellung einzelner Register – mit der Besonderheit einer wunderbaren Flötenschwebung – mit österreichischem Charme immer wieder Variationen zu „auf de schwäb’sche Eisebahne“ erklingen. 
 
Mit dem nächsten Instrument befand man sich bereits in der Schweiz in St. Gallen-Linsebühl und traf dort auf den bekannten Namen Goll aus Bissingen. Während der Kirchheimer Carl Ludwig Goll sich mit dem barocken Klangideal der deutschen Orgelbewegung auseinanderzusetzen hatte, konnte sein in Luzern ansässig gewordener Bruder Friedrich Goll in eidgenössischer Ruhe eine spätromantische Orgel bauen, die 1896 fertiggestellt war. Vom Kompromiss zwischen deutscher und französischer Stilrichtung waren manche Teilnehmer beeindruckt, andere vermissten eine charakteristische Individualität. 
 
Zur Tradition der Orgelfahrten gehört auch der Besuch einer kleinen Dorfkirche – in diesem Jahr der Wallfahrtskirche Mariä Geburt St. Pelagiberg. „Klein aber fein“ präsentiert sich dort mit dezentem romantischem Klang die 1890 gebaute Orgel von Friedrich Goll. 
Der Vereinsvorsitzende Karl-Otto Alpers, der aus historischer Sicht durch die Rundreise führte und Beziehungen zum Heimatraum aufspürte, konnte hier die Verbindung vom Heiligen Pelagius zur heimischen Diepoldsburg und zum benachbarten Denkendorf aufzeigen. 
 
Der erste Tag endete wieder auf deutschem Boden, in der Kath. Kirche St. Stephan Konstanz. Dort steht seit 1996 ein herausragendes Instrument, in barocker Stilrichtung von Georges Heintz aus Schiltach im Schwarzwald gebaut. Die Fantasie und Fuge g-Moll von J.S.Bach, mit der Ralf Sach die prächtige, strahlende Klangfülle der Heintz-Orgel vorstellte, wurde am Ende des ersten Tages als bisheriger Höhepunkt empfunden. 
 
Ebenfalls zur Tradition der jährlichen Orgelfahrt gehört ein Erntedankgottesdienst. Er wurde im Reichenauer Münster in Mittelzell in diesem Jahr als „politisches Erntedankfest“ am Tag der Deutschen Einheit besucht. 
 
Die darauffolgende Besichtigung der Burg Meersburg beinhaltete auch Rezitationen von Gedichten der Annette von Droste-Hülshoff, die auf der Burg gelebt hatte. In der Schlosskirche überraschte Ralf Sach mit einem Sologesang. Er trug zwei von Droste-Hülshoff selbst vertonte Gedichte vor und begleitete sich selbst auf der im Rokoko-Stil 1978 von Fritz Weigle aus Echterdingen geschaffenen Orgel. 
 
Schlusspunkt der Orgelerkundung war die Kath. Pfarrkirche St. Martin in Langenargen. Im dortigen Instrument sind Teile aus drei verschiedenen Epochen vereint, seine heutige Form erhielt es 1978 vom Orgelbauer Winfried Albiez aus Lindau. 
48 Register, verteilt auf drei Manuale und Pedal, fügen deutsch-barocke Klangwelt und Romantik mit französischer Ausrichtung zusammen. So erlebte man ein Meisterwerk der Orgelbaukunst, präsentiert von einem Meister der Orgel. Kirchenmusiker Martin Beck, äußerlich nur scheinbar zurückhaltend, aber innerlich aus vollem Herzen schöpfend, gab eine kompetente und brillante Einführung in Orgelbau und –stilkunde. Er stellte die einzelnen Register vor, von der bombastischen Bombarde 16 Fuß bis hin zu den feinsten Schwebungen. 
Eine wunderbare Stimmung in der lichtdurchfluteten Barockkirche mit gewaltigem, himmelstürmendem Orgeljubel war der krönende Abschluss einer mitreißenden Orgelfahrt. 
 
(Dr. Roland Krämer im Teckboten vom 13.10.2011) 

 

Orgeln, Orgelbauer, Kirchen und Organisten 
Der Kirchheimer Förderverein Kirchenmusik unterwegs auf Orgelfahrt nach Wiesbaden und in den Rheingau

Nahezu 50 Orgelbegeisterte waren es, die in nebligem Morgengrauen mit dem Kirchheimer Förderverein Kirchenmusik auf eine große zweitägige Orgelfahrt gingen. Deren Organisation lag in den bewährten Händen von Karl-Otto Alpers und Leo Kutschkowski, die künstlerische Gesamtleitung hatte Bezirkskantor Ralf Sach. 
 
Roland Krämer 
 
Ziel war mit Wiesbaden und Umgebung die Wirkungsstätte Ralf Sachs vor seinem Wechsel nach Kirchheim. 
Auf beeindruckende Weise wurde vermittelt, wie empfundene Orgelmusik erwächst aus dem Zusammenspiel sowohl von Orgel, Orgelbauer und Kirchenraum als auch von spielenden Organisten, gespielten Komponisten und von den Hörgewohnheiten der Teilnehmer. 
 
Am ersten Tag waren fünf Standorte in Wiesbaden auf dem Programm. 
Die evangelische Ringkirche beherbergt eine fast noch original erhaltene Walcker-Orgel von 1894, die Ralf Sach als „sein“ früheres Instrument vorführen konnte. Weich und warm, wenngleich in den Tutti etwas dumpf, verteilt sich der romantische Klang harmonisch im Raum. 
 
In der Marktkirche stellte Kantor Hans Uwe Hielscher eine 1863 erbaute, mehrfach umgebaute Walcker-Orgel mit 6200 Pfeifen und 85 Registern auf 4 Manualen vor. In einem klassischen Programm mit Werken von César Franck und Camille Saint-Saens präsentierte sich eine große romantische Orgel mit allen Klangbildern von den zartesten Schwebungen bis zum kraftvollen Plenum, dessen Klangfülle durch langen Nachhall mitgetragen wird. 
 
Hielscher konnte noch mit zwei Besonderheiten aufwarten: Zum einen trug er als neues Klangerlebnis Transkriptionen von klassischen und modernen Melodien vor: die Orgel unterhält – singing and swinging - in mitreißender Weise. Zum anderen erinnerte er am Manual des Glockenspiels der Marktkirche daran, was es hieß, eine Orgel zu schlagen: Ein Carillon in 65 m Höhe im Hauptturm mit 50 Glocken, deren schwerste 3 Tonnen und leichteste 13 Kilogramm wiegt, ließ er eher mit den Fäusten als mit den Fingern kilometerweit über die Dächer Wiesbadens erklingen. 
 
Die Lutherkirche besticht in mehrfacher Hinsicht:durch die prächtige, reiche Innenausstattung einer Jugendstilkirche ebenso wie durch eine perfekte Akustik für Orgeln. Und davon hat sie gleich zwei. 
 
Da ist zunächst eine restaurierte Walcker-Orgel von 1911. Kantor Jörg Endebrock spannte mit Werken von Bonnal und Mendelssohn den Bogen von schlanken, sphärischen Flötenklängen bis zu mächtigem Jubel. 
Im Kirchenraum gegenüber steht seit 1979 eine barockdisponierte Klais-Orgel, die mit hellem, klarem und differenziertem Klang eine ideale Ergänzung zur romantischen Walcker-Orgel darstellt. 
 
Guter Tradition folgend war auch der Besuch einer kleinen Dorfkirche vorgesehen. Die Thalkirche in Sonnenberg wartet mit einer sehenswerten, dem sogenannten „Wiesbadener Programm“ entsprechenden Einheit von Altar, Kanzel und Orgel auf. 
Weit mehr als die einmanualige Raßmann-Orgel von 1883 faszinierte ihr Organist Andreas Karthäuser. Seine Begeisterung für „sein“ Instrument sprang spontan auf die Besuchergruppe über, die den Härtetest der großen Bach-Toccata auf dem kleinen Instrument in lebendiger Erinnerung behalten wird. 
 
Zum Abschluss des ersten Tages gab Ralf Sach ein Orgelkonzert in der Kapelle des Wiesbadener Paulinenstifts mit Werken von Brahms, Bach und Scheidemann. Die am italienischen Klangbild orientierte Heberlein-Orgel von 2006 wurde als eher ruhiges und zurückhaltendes Instrument ohne hervortretendes Eigenprofil empfunden. 
 
Der zweite Tag begann mit einem Hochamt in der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Dionysius und Valentinus in Kiedrich und geriet in mehrfacher Hinsicht zu einem Höhepunkt der Reise. Die Gruppe erlebte einen Gottesdienst mit dem legendären Kiedricher Choralgesang, der dort seit 676 Jahren erklingt. Die aus dem 13. Jahrhundert stammende, später gotisch ausgebaute Kirche enthält prächtige Kunstschätze. Die Kiedricher Schwalbennest-Orgel gilt als älteste noch spielbare Orgel Deutschlands. Entstehungsjahr und Orgelbauer sind nicht überliefert. 
 
Die Orgel wurde mehrfach umgebaut und von der Orgelbaufirma Kuhn auf den Zustand von ca 1630 restauriert. Nur 21 Register ergeben dennoch einen voluminösen Klang, der die Kirche füllt. Organist Michael Wagner stellte das mittelalterliche Instrument vor, transponierte den Choral „Lobet den Herren“ in verschiedene Tonarten und brachte die berühmte und berüchtigte „Wolfsquinte“ zu Gehör. Ebenso mutig wie gelungen – und selten gehört -  war seine wahrlich „schröckliche“  Dokumentation, warum man auf einer mitteltönigen Orgel nicht Fis-Dur spielen darf. 
 
Die evangelische St. Katharinenkirche Oppenheim setzte den fulminanten Schlusspunkt. Die dortige Orgel hat Gerald Woehl, ein Pionier der deutschen Orgelsymphonik, 2006 fertiggestellt. Sie beinhaltet noch rund ein Drittel der Klangsubstanz der ursprünglichen Walcker-Orgel von 1871. Die Woehl-Orgel hat  einen romantischen, vollen Grundklang, aber auch eine prägnante eigene Charakteristik. 3218 Pfeifen in 54 klingenden Registern auf 3 Manualen ermöglichen eine große Klanglichkeit. Orgeln so zu bauen, dass der Organist Register ziehen kann, wie er will, und es immer gut klingt, gehört zum Credo von Gerald Woehl. 
 
In Oppenheim ist dem Orgelbauer zudem die Synthese von großem Kirchenraum und großem Orgelklang perfekt geglückt. Kantor Ralf Bibiella hatte mit Werken von Mendelssohn, Bach und Vierne keine Präsentation der drei Komponisten, sondern die Vielfalt der Orgel an unterschiedlichen Beispielen im Sinn. Vom feinsten Salicional über Trompeten bis zu kräftigen Prinzipalen, von zarten Sphärenklängen bis zu enormer Explosivität und geballter, von langem Nachhall unterstützter Wucht reichte das vorgeführte Klangspektrum. Dezente Kritik aus dem orgelkundigen Teilnehmerkreis mahnte an, dass „der Bach“ im Kirchenraum zu verschwommen und nicht klar und transparent genug angekommen sei. Bibiella hielt dem entgegen,  Bach nicht aufgrund mitgebrachter und mitgehörter digital-perfektionierter Studioqualität wie im Wohnzimmer, sondern in der Kirche mit allen ihren Besonderheiten im Zusammenspiel von Orgel, Kirchenraum, Organist und Zuhörern zum Erlebnis machen zu wollen. Wer weiß, was „der Bach“ dazu gesagt hätte? 
 
Die insgesamt runde und im Wortsinne harmonische Reise war angereichert durch Informationen über Geschichte, über Burgen, einen Besuch am Niederwalddenkmal und eine Weinprobe im Weinbaumuseum der mittelalterlichen Brömserburg in Rüdesheim. 
 
Weil in der langjährigen Tradition der Orgelfahrten bislang noch ausgespart, wurde für das nächste Jahr die Region um den Bodensee ins Auge gefasst. 
 
(Teckbote vom 09.10.2009) 

 

Walcker weckt landsmannschaftliche Gefühle 

Kirchheimer Förderverein Kirchenmusik auf großer Orgelfahrt nach Westfalen - zu Orgeln im Ruhrgebiet und im Münsterland

Wer auf einer viertägigen Fahrt in das Ruhrgebiet und dessen nähere Umgebung sich auf rußgeschwärzte Kohlezechen mit rauchenden Schloten eingestellt hatte, wurde in mehrfacher Hinsicht angenehm überrascht. 
     
Den 40 Teilnehmern, die Karl-Otto Alpers, der Vorsitzende des „Fördervereins Kirchenmusik unter Teck“ begrüßen und mit historischen Hintergrundinformationen durch das Programm führen durfte, boten sich auch gepflegte Grüngürtel und Flussauen sowie Parkanlagen mit Schlössern und Burgen. Vor allem aber über zehn Orgeln, denen das Hauptinteresse der traditionellen Jahresausfahrt galt. 
 
Vorgeschlagen und ausgewählt hatte diese Instrumente der Kirchheimer Bezirkskantor Ralf Sach, der im Zielgebiet der Orgelfahrt geboren wurde und dort seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Diese Orgeln für die Vereinsmitglieder vorführen und spielen zu können, war für ihn somit ein Heimspiel im besten Sinne des Wortes. 
 
Dass nur eine der vorgestellten Orgeln aus der Zeit vor 1900 stammt, ist in der Geschichte der Region begründet. Um die Wende zum letzten Jahrhundert entstanden im Zug des Kohleabbaus viele Arbeitsplätze, die große Zuwanderungen vor allem aus östlichen Gebieten zur Folge hatten. Es wurden Kirchengemeinden gegründet, neoromanische oder neogotische Kirchen gebaut und diese häufig mit neobarocken Orgeln im Sinne der „Orgelbewegung“ ausgestattet. Die Zerstörungen insbesondere im zweiten Weltkrieg machten es dann erforderlich, vorhandene Orgeln entweder verfallen zu lassen oder mit erheblichen finanziellen und bis heute andauernden Anstrengungen zu restaurieren oder durch neue zu ersetzen. So wird verständlich, dass die meisten der besuchten Instrumente ihr heutiges Klangbild erst den letzten beiden Jahrzehnten verdanken. 
 
Ralf Sach bereitete es sichtlich Freude, durchwoben mit individuellen biographischen Erinnerungen die Vereinsmitglieder durch diese so entstandene Klangvielfalt der westfälischen Orgellandschaft zu führen. 
 
Zum Auftakt stand in der Christuskirche Recklinghausen ein Instrument im Mittelpunkt, das 1960 von Paul Ott, einem Vertreter der Orgelbewegung gebaut wurde. Dem barocken Klangideal nachempfunden überzeugte es mit klarem, hellem Klang. Einer spontanen Idee folgend setzten Bezirkskantor Ralf Sach an der großen Ott-Orgel und Kirchenmusikdirektor Ernst Leuze an der kleinen Führer-Orgel von 1967 zu einem genialen Wechselspiel an. Über den gesamten Kirchenraum hinweg spielten sie sich die musikalischen Bälle gegenseitig zu. So entwickelte sich nicht etwa eine Auseinandersetzung zwischen David und Goliath, sondern ein Glanzstück musikalischer Improvisation. 
 
Deutsche Spätromantik mit der 1909 von Franz Breil gebauten Orgel stand in der Katholischen Kirche St. Martinus in Herten-Westerholt auf dem Programm. Die Schar der Orgelkundigen war schnell gespalten. Von einem wunderbaren Instrument schwärmten die einen, andere empfanden das Klangbild bei langem Nachhall als eher dumpf und verschwommen. 
 
Zur Tradition der Orgelfahrten gehört auch der Besuch kleiner Kirchen mit kleinen Orgeln. In der Friedenskirche in Selm wird der Besucher überrascht durch originelle alte al secco-Malereien, vor allem aber durch die von der Orgelbaufirma Friedrich Fleiter mit nur einem Manual und fünf Registern gebaute Orgel – klein aber fein und den Kirchenraum durchaus füllend. 
 
Als wahres Kleinod erwies sich die Dorfkirche in Bochum-Stiepel. Beeindruckend die Fresken aus dem 12. bis 16. Jahrhundert ebenso wie die 2004 von Harm Kirschner im norddeutschen Stil erbaute Orgel mit einem strahlenden Klang, aus dem viele wunderschöne Flöten besonders herausragen. 
 
Zum vorläufigen und glanzvollen Höhepunkt der Reise wurde in der Evangelischen Kirche Essen-Werden die dortige Orgel aus dem Jahr 1900. Nicht in erster Linie deshalb, weil die Erbauerfirma E.F.Walcker aus Ludwigsburg landsmannschaftliche Empfindungen bei der schwäbischen Reisegruppe geweckt hätte und erst recht nicht deshalb, weil die Möglichkeit bestand (und auch genutzt wurde), auf dem Kirchenstuhl des früheren Mäzens Alfred Krupp Platz zu nehmen. Vielmehr überzeugte die Walcker-Orgel mit ihrer romantischen Disposition als in sich sehr stimmiges Instrument mit vollem, weichem und warmem Klang. „Traumhaft“ – so schwärmte auch Ralf Sach und führte mit dem letzten Satz aus Mendelssohns erster Sonate das ganze Spektrum von den leisesten Tönen bis zur vollen Wucht dieser Orgel vor. Geldmangel – so beklagenswert er immer ist – hat hier immerhin dazu geführt, dass ein altes Instrument weitgehend original erhalten geblieben ist. 
 
Aus der Jahrhundertwende, ein Jahrhundert später, boten sich mehrere Orgeln zum Vergleich an: die 1983 von Alfred Führer in Lüdinghausen gebaute Orgel mit zartschwebenden Flöten, drohenden Prinzipalen und einem jubilierenden Tutti – die von der Werkstatt Gebr. Stockmann 1998 restaurierte Orgel in St. Marien Lünen, die klar und transparent vom Pianissimo bis zum Fortissimo alles bewältigt mit einem hellen Klang in einer hellen Kirche – bis zur Orgel von Herbert Hey von 2001 in der Christuskirche Alt-Oberhausen, die sich klanggewaltig, allerdings mit beängstigend umwerfendem Winddruck entfaltet. 
 
Nachdem in der Stiftskirche Cappenberg zunächst dem berühmten Cappenberger Kopfreliquiar von Kaiser Friedrich Barbarossa die angemessene Referenz erwiesen worden war, erlebte man dort die älteste Orgel der Reise – 1788 von Caspar Melchior Vorenweg erbaut. Mehrfache Restaurierungen – zuletzt durch die Firma Johannes Klais – konnten die ursprüngliche Disposition weitgehend original erhalten bzw. wiederherstellen. Die Vielfalt der Register und die volle Pracht dieser Königin der Instrumente präsentierte Ralf Sach mit Muffats selten gespielten Variationen über ein schwedisches Volkslied. 
 
Der fulminante Abschluss der Orgelfahrt fand in der Ev.St.Marienkirche zu Dortmund statt. Dazu hatte Kantorin Andrea Bärenfänger besondere Überraschungen rund um die neobarocke, von der Firma Steinmann 1967 gebaute und 2007 von der Firma Schuke restaurierte mechanische Schleifladenorgel bereit. Im gemeinsam besuchten Gottesdienst beeindruckte Andrea Bärenfänger damit, dass dieses Instrument auch Musik aus der Romantik authentisch wiedergeben kann. Im Anschluss gab sie für die Kirchheimer Gäste ein exquisites Orgelkonzert, in dem sie zunächst – begeistert und begeisternd zugleich – „ihre“ Orgel vorstellte. Mit geschickter Hand entführte sie ihre Zuhörer dann in Klangbeispiele, wie sie um 1530 zum Zeitpunkt der ersten Orgel in dieser Kirche geklungen haben mögen. Von Paul Hofheimer bis Johann Sebastian Bach wurden verschiedene Register in den Mittelpunkt gestellt und so reizvolle Klangerlebnisse vermittelt, mit obertonreichen, aber insgesamt klaren, direkten und harmonisch ausgewogenen Aussagen bis hin zum krönenden Plenum. 
 
Mit kulinarischen Erinnerungen an das Wasserschloss Borbeck und an ein Rittermahl in der Burg Vischering genossen die Teilnehmer die Rückfahrt durch den herbstlich gefärbten Odenwald. Ihren Dank an die Organisatoren der diesjährigen Orgelfahrt rundete dabei der nur Insidern verständliche Wunsch nach einem vereinseigenen Naviorganum ab. 
 
(Dr. Roland Krämer im Teckboten vom 16.10.2008)

 

Fünf badische Orgeln im direkten Vergleich 
EXKURSION / Kirchheimer Förderverein Kirchenmusik unterwegs im benachbarten Landesteil 
 
50 Teilnehmer konnte Karl-Otto Alpers, der Vorsitzende des Kirchheimer Fördervereins Kirchenmusik, zu einer Orgelfahrt nach Baden begrüßen und zugleich auf die Geschichte des benachbarten Landesteiles eingehen. Die Auswahl von fünf Orgeln für den eintägigen Ausflug lag in den Händen von Bezirkskantor Ralf Sach. 
 
Kirchenmusikdirektor Ernst Leuze und Dekanatskirchenmusiker Thomas Specker hatten die organisatorischen Vorbereitungen zusammen mit den jeweiligen Pfarrern, Organisten und Mesnern getroffen. Erster Halt war in Karlsruhe-Durlach, wo Ulrich Hauck über den Ort und die Stadtkirche informierte. Die dortige Orgel wurde 1759 von Johann Philipp und Johann Heinrich Stumm fertiggestellt und nach einer wechselvollen Geschichte 1999 von der Orgelbaufirma Goll in Luzern restauriert und ergänzt. So sind heute in einem historisch belassenen Gehäuse barocke, romantische und überwiegend neuzeitliche Register von vier verschiedenen Orgelbauern untergebracht. Ergebnis ist eine vielseitig einsetzbare moderne Orgel universal, aber auch ohne eindeutige individuelle Profilierung. 
 
Die Heilig-Kreuz-Kirche in Loffenau lenkt die Aufmerksamkeit der Besucher zunächst auf ihre spätmittelalterlichen Fresken aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Orgel von Eberhard Friedrich Walcker aus dem Jahr 1856 wurde 2004 saniert und in ihren Originalzustand von vor rund eineinhalb Jahrhunderten zurückgebaut. So präsentiert sie sich im Gegensatz zum Durlacher Instrument als Spezialorgel mit eindeutig romantischem Profil, dem man Mendelssohn eher anvertrauen möchte als beispielsweise Bach. 
 
War der Vergleich zweier Orgeln am Vormittag gleichsam das Präludium, so folgte am Nachmittag die Kunst der Fuge mit der Hintereinanderreihung fulminanter Höhepunkte. Dabei lief Bezirkskantor Ralf Sach, der alle Orgeln vorführte, zu großer Form auf. Mit sicherem Gespür stellte er zunächst die charakteristischen Register des jeweiligen Instruments vor und schloss in hinreißenden Improvisationen mit einem Klangaufbau von den leisesten Tönen bis zum entfesselten Fortissimo. 
 
Die Kirche Sankt Marien in Gengenbach beeindruckt zuallererst durch ihre prächtige Innenausstattung, nicht zuletzt aber auch durch die Orgel. 1899 von Wilhelm Schwarz mit Kegelladen gebaut, gilt sie heute als die zweitgrößte Romantik-Orgel Badens. Bei zarten, weichen und warmen, in sich sehr stimmigen Klängen genossen die Orgelbegeisterten hier Hochromantik in Reinkultur. 
 
Die Orgelfahrt fand ihren Abschluss in der Pfarrkirche Sankt Maria in Schramberg mit der 1844 von Eberhard Friedrich Walcker erbauten und 1995 von der Orgelbaufirma Kuhn restaurierten Orgel. Die Pedalregister stehen auf Schleifladen, die des ersten und zweiten Manuals auf Walcker'schen Kegelladen. Eine Besonderheit ist die vom dritten Manual bediente "Physharmonica", ein "vom leisesten Hauch bis zu sehr merklicher Stärke" modulationsfähiges Harmoniumregister. Aufgrund ihres in sich geschlossenen Klangkonzepts, mit dem die ganze Bandbreite von Bach bis hin zu Reger stimmig gespielt werden kann, war die Walcker-Orgel der Tagesfavorit des Bezirkskantors Ralf Sach. 
 
Unter den mitreisenden Orgelliebhabern gingen die Meinungen allerdings auseinander. Das abwechslungsreiche und hochkarätige Programm war von interessanten Gegenpolen geprägt: Schleiflade und Kegellade Universalorgel und Individualorgel Barock, Romantik, Orgelreform und Moderne. Die Beurteilung der besuchten Orgeln bleibt allemal eine subjektive Wertung. Man war jedoch für die fachkundigen Vorführungen und Erläuterungen von Bezirkskantor Ralf Sach sehr dankbar. So wurde auch schon Vorfreude geweckt auf das Vorhaben im nächsten Jahr: eine mehrtägige Orgelfahrt nach Westfalen, der Heimat von Ralf Sach. 
 
(Teckbote vom 10.10.2007)