Pressespiegel zu Musikveranstaltungen an der Martinskirche 2009-2012

 

Die Stadtkapelle singt

Benefizkonzert zu Gunsten der Martinskirchen-Dachsanierung

Man kann einen großen Raum optimalerweise mit Licht füllen. Noch effektiver ist die Füllung
 mit Luft. Und wenn diese Luft dann noch so wunderschön anrührend klingt wie beim Konzert der Stadtkapelle in der Martinskirche am vergangenen Sonntag, dann bleiben für Fans kirchlicher Musik kaum Wünsche unerfüllt.

„Stadtkapelle hilft Martin“ war die Abendmusik augenblinzelnd angekündigt, denn eigentlich war es ja der Namensgeber von Kirchheims ältestem Gebäude, der wegen seiner Hilfsbereitschaft zum Heiligen erkoren wurde. Aber auch ihm konnte geholfen werden. Zunächst einmal durch einen stolzen Betrag, den die zahlreichen „Krankenbesucher“ nach der grandiosen Musikdarbietung zusammentrugen.

Viel höher ist allerdings sicher der Effekt öffentlicher Wahrnehmung anzusetzen, den die Martinskirche unbedingt benötigt, um die Postkarten Kirchheims auch in Zukunft schmücken zu können. Und vor allem, um helfend und stärkend für die Bürger dieser Stadt aktiv bleiben zu können, denn das Ausmaß der Dachschäden ist immer wieder frappierend, wie eine Fotodokumentation im Innern des Kirchenraums fotografisch belegt.

Die Kirchheimer Stadtkapelle und die Martinskirchenmusik blicken auf einen gemeinsamen Ursprung – das städtische „Collegium Musicum“, 1682 erstmals erwähnt – zurück. Und es war, als wollten dies vor allem die Bläser unmissverständlich unterstreichen, indem sie im „Gloriosa“ des japanischen Komponisten Yasuhido Ite ihre Instrumente absetzten und sonor das gregorianische „Oratorio“ sangen.

Die mittelalterliche Atmosphäre aus jener Zeit, in der der gotische Hochchor der Martinskirche errichtet wurde, provozierte Gänsehaut und zeigte andererseits auch, dass diese Musikepoche in der aktuellen klassischen Musik wieder eine wichtige Rolle spielt. Und dass Ito sein mittlerweile auf der ganzen Welt verbreitetes Werk bewusst nicht als „geistliche Komposition“ verstanden wissen wollte, dokumentiert eindrücklich die Durchlässigkeit sinnloser Unterscheidungen in „kirchliche“ und „nichtkirchliche Musik“.

Das fanfarenartige „Pian e Forte“ des italienischen Renaissance-Komponisten Giovanni Gabrieli zur Eröffnung wiederum offenbarte die andere Seite der Medaille: Ein „sacrales Werck“, wie der Komponist selber betont, im Klanggewand des „weltlichen“ Madrigals. Die erstmals in diesem Stück vorgeschriebene Terrassendynamik wurde von einem Blechbläserensemble der Stadtkapelle beeindruckend sensibel in die Kirchenraumakustik entlassen. In Präzision und Intonation blieben keine Wünsche offen, was durch wohlige Seufzer aus dem Publikum unterstrichen wurde.

Der „Weltgeist“ wird in Hermann Hesses bekanntem Gedicht „Stufen“ als Ursache dafür angesehen, dass jedem Anfang „ein Zauber inne wohne“. Wieder ein sehr doppeldeutiges Bild. Der 1959 geborene Komponist Jacob de Haan malte in seinem dieses Gedicht einkleidenden Tongemälde einen Weltgeist, der als Stimme der Seele von der jungen Mezzosopranistin Anna-Maria Wilke in berührender Anmut verkörpert wurde. Ihre vibra­to­reine und klare Stimme bedurfte keiner kraftvollen Lautstärke, um sich vor einem voll besetzten symphonischen Blasorchester Gehör zu verschaffen.

Beinahe unbekümmert spann sie endlos lange Melodiefäden, die vom Klangteppich des Orchesters behutsam getragen wurden, und es machte dabei immer wieder Spaß, dem Leiter der Stadtkapelle, Marc Lange, beim feinsinnigen Zusammenführen dieser beiden Klangkörper zuzuschauen.

In seiner Ouvertüre „Mountain­roads“ für Saxofonquartett verquickte der amerikanische Komponist David Maslanka rhythmische Musik der heutigen Zeit mit Kanons von Johann Sebastian Bach, in dem er den Urtypus universeller Musik sah. Die Bergstraße schien tatsächlich mit der Musik Bachs einen ordnenden Rahmen zu erhalten, und das Saxofonquartett der Stadtkapelle nahm hochvirtuos vorweg, womit dieser faszinierende Abend feierlich ausklang: Bachs populäre Choralbearbeitung über „Jesus bleibet meine Freude“.

Die Stadtkapelle teilte ihren Mantel für die Kirche des Heiligen Martin. Mögen noch viele ihrem tatkräftigen und erfolgreichen Beispiel folgen.

(Ralf Sach im Teckboten vom 19.10.2012)

 

Orgelmusik macht die Welt himmlischer

Orgelfahrt des Fördervereins Kirchenmusik nach München und Augsburg

Auch der Omnibus schien mit der Fahrt zunächst nicht einverstanden zu sein, denn Feuer speiend verweigerte er schon in Gruibingen die Weiterfahrt. Mit einem Ersatzbus wurde das erste Ziel im schönsten Herbstlicht doch noch rechtzeitig erreicht: die ehemalige Klosterkirche Fürstenfeldbruck. Auf den ersten Blick und nach wenigen Takten auf der Fux-Orgel von 1737 war allen klar: Hier, und nicht in München selbst, muss der Orgelhimmel sein. Dieser Ansicht war auch Bezirkskantor Ralf Sach, der die Instrumente ausgewählt hatte.

Nach einem solchen unüberbietbaren Höhepunkt gleich zu Beginn müsste die Weiterfahrt zur supermodernen Orgel der Pfarrkirche Herz-Jesu einem Höllensturz gleichkommen, so befürchteten nicht wenige. Es kam ganz anders. Zwar kein barocker Orgelhimmel mehr, aber paradiesische Zustände mit einer spektakulären Orgel in einem futuristischen Kirchenraum, einem Architektur-Universum, das, zum Dauer-Event geworden, die Besucher in Massen anzieht.

Professor Karl Maureen, der Titularorganist, berichtete stolz, dass zu den regelmäßigen Konzerten im Schnitt zehnmal so viele Besucher kommen wie in allen anderen Münch­ner Kirchen. Nach seiner brillanten Vorführung der Wöhl-Orgel – der Architektur mehr als ebenbürtig – wurde ihm das gerne geglaubt. Und bei der Vorführung in Form eines exquisiten Orgelkonzerts war Fürstenfeldbruck schon beinahe vergessen. Denn auch das moderne Instrument war auf die, allerdings experimentelle, Akustik perfekt abgestimmt.

Bei jeder Orgelfahrt begegnet man ja nicht nur den Instrumenten, sondern auch ihren Spielern. Gelegentlich ist der Organist sogar faszinierender als die Orgel. Doch eine Orgel den Menschen nahezubringen, musikalisch, architektonisch, begrifflich und emotional, das gelingt nur ganz wenigen. Mit Bezirkskantor Ralf Sach hatten es die Orgeltouristen vergleichsweise gut. Von manchen Instrumenten ließ er sich spürbar inspirieren, bei anderen musste er sich länger auf die Suche machen nach dem musikalischen Kern. In solchen Fällen boten aber die architektonischen Besonderheiten der Orgeln und Kirchen genug Möglichkeiten für vergleichende Studien. Dabei ergaben sich manche Überraschungen: In der eher biederen neugotischen Kirche Sankt Johann Baptist von München-Haidhausen ließ ein seelenlos wirkender Attrappenprospekt das Schlimmste befürchten. Doch bei der Orgelvorführung zeigte sich das hemdsärmlige und zugleich süßliche Wesen einer spätromantischen Max-Reger-Orgel, deren Klänge berauschend durch die hallige Kirche fluteten. Prospekt und Instrument hatten rein gar nichts miteinander zu tun.

Spätestens nach diesem Erlebnis war ein roter Faden dieser Orgelfahrt zu ahnen: Es gibt keine Orgel an sich; erst im Zusammenklang mit Architektur und Akustik wirkt das Instrument gut oder mittelmäßig, überragend oder miserabel. Schlagender Beweis: das Erlebnis in der Theatinerkirche. Es ist eine riesenhafte, reich stuckierte Barockkirche, allerdings in wenig ansprechendem Weißgrau. Die putzig klein erscheinende Orgel vor dem gigantischen Hochaltar versteckt sich fast ganz hinter einem grauen Vorhang. Aber welch ein Klang! Unbeschreiblich räumlich, rund und sinnlich, mächtig wie von einer Zauberorgel. In dieser Kirche müsste selbst ein Harmonium grandios klingen.

Das glatte Gegenteil in Alt Sankt Peter, der letzten Station des Tages. Dort steht eine „Hochglanz-Orgel“ der weltberühmten Firma Klais (Bonn). Ihr Klang wirkte seltsam gebremst. Das konnte nicht nur am Organisten liegen, der wegen der Beichte nur „mit angezogener Handbremse“ spielen durfte. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass eine kriegszerstörte und wieder rekonstruierte Kirche akustisch nicht mehr so richtig funktionieren würde. Die Orgel-Fahrer waren indessen zu erschöpft, um dieser Frage noch nachgehen zu können. Erst in der Hotelbar stellte sich heraus, dass jeder etwas anderes erlebt hatte, die Meinungen aber so diffus blieben wie die Widersprüche in der ehrwürdigen Münchner Kirche.

Da war das Glockenspiel mit seinen bewegten Figuren am Münchner Rathaus schon eindeutiger. Und das ungeheure Gedränge in der Innenstadt brachte schnell alle feinsinnigen Orgelgedanken zum Erliegen.

Im evangelisch-lutherischen Sonntagsgottesdienst der gewaltigen Münchner Lukaskirche fanden sich wie in einem Brennpunkt alle Höhen und Tiefen der Orgelfahrt wieder: Glanz und Elend der Organisten, zum Beispiel, in ihrer Funktion als improvisierende Leerläufer, fantastische Kammermusiker an der Truhenorgel, als Störer auch eines atmenden Gemeindegesangs und Liturgiebelästiger schließlich in umständlichen Intonationen. Die A-Dur-Messe von Johann Sebastian Bach, vollständig in den liturgischen Ablauf integriert (oder umgekehrt), war eine Wohltat für orgelgeschädigte Ohren. Allerdings wird auch an der Isar nur mit Wasser gekocht, und nicht wenige Akteure konnten von Glück sagen, dass sie im Gottesdienst nicht von einem sachkundigen Rezensenten öffentlich beurteilt werden.

Der Sonntagnachmittag führte durch die Augsburger Baustellen-Hölle zum dortigen Orgelhimmel in Sankt Ulrich und Afra. Erster Eindruck: überaus herrliche Altäre und ein über 400 Jahre alter Orgelprospekt. Die überbordende Begeisterung des Organisten, seit wenigen Wochen erst im Amt, ließ die Teilnehmer vergessen, dass sich hinter dem kostbaren Äußeren eine durch und durch moderne Orgel verbirgt. Deren Klang hat aber auch gar nichts mehr mit ihrem Gehäuse aus dem 17. Jahrhundert zu tun. Aber allen, die auf der engen, schon von Wolfgang Amadeus Mozart gescholtenen, Wendeltreppe zur Orgelempore mehr hinaufgekrochen als geschritten waren, kam‘s wiederum wie im Himmel vor unter dem einzigartigen Gewölbe, umtost von der berauschenden Klangflut einer großmächtigen Kathedralorgel. Da kamen historisch-kritische Bedenken noch nicht einmal bis an die Schwelle des Bewusstseins.

Vorletzte Station: die Betonkirche Don Bosco – interessant, aber trist im nebligen Nachmittag. Auch die gar nicht so üble Sandtner-Orgel konnte die Stimmung nicht retten, so sehr sich der Organist auch abmühte. So hätte die Orgelfahrt grau in grau geendet, wenn nicht eine erst drei Jahre alte Sandtner-Orgel (schon wieder eine) die Ehre der Augsburger Kirchen und Orgeln gerettet hätte. In der stämmigen bayrisch-schwäbischen Jugendstilkirche Herz Jesu belohnte Ralf Sach die unverdrossenen Kirchenmusik-Freunde mit einem fulminanten, großen Bach-Präludium.

Fazit nach zwei Tagen: Orgelmusik kann die Welt nicht erlösen, aber wenigstens ein Stück himmlischer machen.

(Ernst Leuze im Teckboten vom 07.11.2012)

 

Requiem der Hoffnung

Webber "Requiem" in der Martinskirche aufgeführt

 

Mit Webbers Requiem stand am Totensonntag eine faszinierende – leider viel zu selten aufgeführte – Vertonung eines zeitgenössischen Komponisten auf dem Programm. Zu der musikalischen Auseinandersetzung mit diesem Thema angeregt wurde Lloyd Webber besonders durch den Tod seines Vaters 1982, aber auch durch die blutigen Unruhen in Nordirland, darüber hinaus noch durch die Nachricht, dass ein kambodschanischer Junge um selbst zu überleben, seine behinderte Schwester tötete. Diese Anlässe machten das Werk nach eigener Aussage zu seinem persönlichsten.

Am Beginn des Konzerts stand das ebenfalls selten zu Gehör gebrachte Adagio d-Moll für Streichorchester von Jean Sibelius. Warme, dunkle Streicherklänge füllten das Kirchenschiff und luden die zahlreich erschienenen Zuhörer zu meditativen Gedanken ein. Im weiteren Verlauf füllten musikalische Klangräume die Martinskirche – dynamisch und rhythmisch vielschichtig, melodisch interessant, durchhörbar in leuch­tenden Orchesterfarben.

Beim folgenden Hauptwerk des Abends hatte sich bestimmt im Vorfeld mancher so seine Gedanken gemacht. Ein klassisches Werk, als Textgrundlage die lateinische Totenmesse, von einem weltbekannten Musicalkomponisten? Geht das? Dabei wird meist Webbers fundierte klassisch ausgerichtete Ausbildung und sein untrügliches Gespür für wunderschöne Melodien ausgeblendet. Genre- und stilübergreifend, verbunden mit seinem persönlichen Glaubensbekenntnis, hat er ein einzigartiges Kaleidoskop an menschlichen Empfindungen angesichts der Grenzerfahrung Tod herausragend und zeitlos in musikalische Ausdrucksmöglichkeiten übersetzt.

Zur Umsetzung der immensen Anforderungen stand Bezirkskantor Ralf Sach ein hervorragendes Ge­samt­ensemble zur Verfügung mit dem Chor an der Martinskirche, einem kammerphilharmonischen Orchester, Mitgliedern der Stadtkapelle Kirchheim sowie den ausgezeichneten Solisten: Anna-Maria Wilke und Eva Friederike Hoffmann, Sopran, sowie Hubert Mayer, Tenor. Leicht macht es einem der Komponist Andrew Lloyd Webber nicht mit seiner Sichtweise des Weges zum Paradies. Aber niemand hat auch je behauptet, dass dieser Weg einfach sei.

Fahle, tiefe Klänge, unterbrochen durch Holzbläserarabesken, bildeten das Vorspiel zur Kernmelodie des Requiems, im Original vorgetragen durch eine Kinderstimme, hier durch die Sopranistin Anna-Maria Wilke, bald zum Duett ergänzt durch Eva Friederike Hoffmann, dann aufgenommen durch den Chorsopran in makelloser Diktion. Bereits im ersten Abschnitt des Werks, dem Kyrie, der Bitte um Erbarmen, wurde das große Faszinosum, das dem Stück innewohnt, hörbar, ja fast spürbar. Archaisch anmutende Klänge wechselten sich mit deklamatorischen Chorpassagen, Solieinwürfen und rhythmisch komplizierten schwungvollen Orchestergrundierungen ab. Stets dabei vernehmbar das leitmotivische „Requiem“-Thema.

Schon dieser erste Teil verlangte allen Beteiligten das Äußerste ab. Chor und Solisten bewegten sich zum Teil in aberwitzigen Höhen, Orchester und Schlagwerk mussten exakte Taktwechsel umsetzen. Alle erfüllten ihre Aufgaben mit großer Bravour unter der umsichtigen, präzisen und große Ruhe ausstrahlenden Stabführung Ralf Sachs. Die nächste Episode, die Sequenz „Dies Irae“, entfesselte infernalische – an Berlioz oder Verdi erinnernde – Klangmassen in großer Eindringlichkeit und mit präzisem Einsatz aller Mittel. Auch hier hatte man den Eindruck, dass alle Beteiligten an ihre Grenzen gehen, aber nie darüber. Eine ungeheure Wirkung, Großes Lob – hier besonders an den Chor, der viele Sekundreibungen zu bewältigen hatte.

Der „König des Schreckens“ verlor seinen Schrecken im anschließenden Satz durch die zuversichtliche Bitte, formuliert durch den Sopran „Salva me“, „rette mich“ im melodischen Gewand des Leitthemas. Beim „Recordare“ konnte nochmals die Sopranistin Eva Friederike Hoffmann ihre stupende Höhe demonstrieren. Das eindringlich vom Solotenor gesungene „Lacrymosa“ leitete über in das Offertorium mit einer interessanten Orgel- und Orchesterfuge und mündete schließlich in das wie entfesselt auftrumpfende „Hosanna“ mit seinen wirbelnden Chor- und Solopartien und vor allem einem fast ekstatischen „Schlagzeuggroove“, der bravourös alles mitriss. Wenn es so im Paradies aussieht, dann wollen alle dabei sein.

Das folgende „Pie Jesu“, ein Duett für die zwei Sopranstimmen – später tritt der Chor dazu –, ist wohl der bekannteste Ausschnitt aus dem Opus und wurde mit seiner suggestiven Melodik sehr ausdrucksstark und intensiv interpretiert. Es erklang später nochmals als Zugabe. Nach zwei weiteren Sätzen, die allen Mitwirkenden nochmals alles abverlangten, endete das grandiose Werk beinahe so, wie es begonnen hatte, mit der mittlerweile gut bekannten Leitmelodie des Requiem. Nunmehr aber nicht länger zweifelnd fragend sondern in der Gewissheit, „ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, der Tod hat keine Macht mehr.

Mit der Stimme des Knabensoprans beschloss die Sopranistin nach einer selbstbestimmten Zahl an Wiederholungen in größter Eindringlichkeit das Werk und entließ die begeisterten Zuhörer mit hoffnungsvoller Zuversicht. Nach einer intensiven Spannungspause entlud sich die Konzentration des ergriffenen Publikums in kräftigem Beifall für die großartige Gesamtleistung aller Beteiligten. Der Dank gebührt an dieser Stelle besonders Bezirkskantor Ralf Sach, der den Mut und die musikalische Kompetenz besitzt, Meisterwerke der Musik dem Vergessen zu entreißen und alle Mitwirkenden ausnahmslos zu Höchstleistungen zu führen und dabei auch viele junge Musiker zu integrieren. Ein berührendes, beeindruckendes Konzert, dass noch lange nachklingen wird.

(Teckbote vom 22.11.2011)

 

Chormusik zum Muttertag in der Martinskirche

Der Knabenchor "Capella Vocalis" gestaltet ein ungewöhnliches Muttertagskonzert

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie innerhalb kürzester Zeit aus balgenden und im positiven Sinne frechen Jungs gestriegelte Chorsänger werden können, die voller Disziplin und Inbrunst Schütz, Mendelssohn und Bruckner musizieren. Und man ist dabei immer geneigt zu fragen, welche dieser beiden Rollen wohl stärker voneinander profitiert. Schon im Konzerttitel „Chormusik zum Muttertag“, den sich der Knabenchor „Capella Vocalis“ am letzten Sonntag in der Martinskirche gab, lag diese Divergenz verborgen. Denn, wer einen „Strauß bunter Chorstücke für alle Mütter dieser Stadt“ erwartete, wurde – glücklicherweise! – enttäuscht.

Nach dem einstimmenden „Alta Trinita beata“ zum Einzug wurden mit Knut Nystedts „Missa brevis“ gleich die Grenzen der Hörgewohnheiten ausgelotet. Und die strahlend klaren Knabenstimmen machten Lust dazu. Überhaupt: Die Nüchternheit und Konzentration im angenehm kühlen Martinskirchenraum am Ende eines sonnigen Ausflugstages „taten der Seele gut“, wie ein Konzertbesucher am Ende des Konzerts ergriffen feststellte. Mal war es das rhythmisch anspruchsvoll skandierte „Crucifixus“, mal die flirrenden Cluster-Klänge beim „Kyrie“ oder „Credo“, der Chor wusste sowohl durch lebhaften Kontrast als auch durch das Halten der Spannungsbögen in einem Chorwerk zu überzeugen, das man eigentlich sonst nicht als „Türöffner“ bei einem Konzert bezeichnen kann. Dass dabei zum Teil noch über große Strecken hinweg auswendig gesungen wurde, unterstreicht, das „Capella Vocalis“ durchaus den namhaften Chören des Landes zuzuordnen ist. Gleichsam als Entspannung nach konzentrierter Schwerstarbeit ließ Chorleiter Eckhard Wyand die Nystedt-Messe mit dem eher romantisch gefärbten „Agnus Dei“ des lettischen Komponisten Rihards Dubra ausklingen. Oder war es eher die Sehnsucht nach einer harmonischen Bitte um den Frieden angesichts bedrohlicher Tagesnachrichten?

„Er stößt die Gewaltigen vom Thron“ sangen die Knaben eindrucksvoll im Anschluss gleichsam als Antwort auf diese Friedenbitte. Und weit gefasst könnte man Heinrich Schütz‘ „Deutsches Magnificat“, mit dem Maria die Niederkunft Jesu besingt und dem dieses Zitat entnommen ist, durchaus als musikalischen Beitrag zum Muttertag werten. Ebenso wie dessen weihnachtliche Motette „Also hat Gott die Welt geliebt“. Die verschränkte Kontrapunktik bei „Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskind‘“ ließ den akustisch faszinierenden Martinskirchenraum in atemberaubenden Tonfarben schillern und man kann die Anforderung an Intonation und Artikulation bei dieser Stelle nicht hoch genug bewerten, um das musikalische Vermögen der jungen Sänger recht bewerten zu können. Dagegen waren manche Präzisionsprobleme bei den Übergängen gern vernachlässigende Größen, zumal der dafür auswendig vorgetragene Gesang dem Chorklang eine anrührende Präsenz verlieh.

Es war im Ganzen überhaupt nicht unbedingt die Programmauswahl, die zum Hören lockte. Mit den beiden Mendelssohn-Motetten „Richte mich, Gott“ und „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“ sowie dem „Locus iste“ von Anton Bruckner wurden im Gegenteil Vertreter des gängigen Chorrepertoires dargeboten. Und ausgerechnet die beiden prominenten Mendelssohn-Motetten gerieten durch eine drehbuchreife Ausgestaltung der dargestellten Bilder und den bewusst in Kauf genommenen Tempoforcierungen zum Höhepunkt des Abends. Ob man das „Warum betrübst du dich, meine Seele“ so aus dem Metrum herausnehmen darf oder nicht, beantwortete sich durch den berühmten „Rückenschauer“ an dieser Stelle allgemein wohl ganz von selbst. Und als dann noch beim „Ubi caritas“ Maurice Duruflés mit einem Soloaltus aus dem Chor der Martinskirche heraus die Abendsonne den Kirchenraum in ein rötliches Licht tauchte, inszinierte die Natur diesen wunderschönen Abend gleichsam mit, der mit dem Dank an alle Mütter und lieben Menschen endete, indem „Capella Vocalis“ sich mit dem schlichten Gesang „Gott hat uns längst einen Engel gesandt“ wieder in Richtung Reutlingen verabschiedete.

(Ralf Sach im Teckboten vom 11.05.2011)

 

Von der Verzweiflung zur Hoffnung

Musik zur Todesstunde Jesu in der Martinskirche

Der Tradition seiner bisherigen Programmgestaltungen folgend, hatte Bezirkskantor Ralf Sach Werke ausgewählt, die nicht zum Standardrepertoire großer Kantoreien gehören. Den Anfang bildete
Franz Liszts „Via Crucis“, eine ergreifende Kreuzwegvertonung des sonst eher als Komponist virtuoser Musik bekannten Meisters des 19. Jahrhunderts. Neben einer einleitenden Hymne verarbeitet der Zyklus in den 14 Kreuzwegstationen Bibelzitate, mittelalterliche Hymnen und Choraltexte. Ungemein farbig ist auch die musikalische Textur des Alterswerks von Liszt. Unisonopassagen wechseln sich ab mit unbegleiteten Solorezitativen, wuchtigen Turbaechören, gregorianischen Hymnen, Chorälen und Frauenchorsätzen. Grundiert wird alles durch einen expressiven, harmonisch reichen Orgel- beziehungsweise Klavierbegleitsatz.

Die Martinskantorei zeigte sich den vielfältigen Aufgaben sehr gut gewachsen. Von ihrem Dirigenten bestens vorbereitet, sangen die Choristen präzise das erste Chorunisono, ausgeglichen in allen Registern und mit schlanker Tongebung, intonatorisch sicher auch bei heiklen harmonischen Wendungen und mit dramatischer Wucht in den Szenen, in denen Jesus unter der Kreuzeslast zusammenbricht. Besonders gelungen waren auch die Einsätze der Frauenchorpassagen im „Stabat mater“ sowie die Gestaltung der Choräle. Die Hälfte der Stationen sind als reine Klavier- und Orgelsätze konzipiert. Diesen anspruchsvollen Part der musikalischen Mitgestaltung hatte Ralf Sach in die bewährten Hände von Thomas Arnold (Klavier) und Kirchenmusikdirektor Ernst Leuze (Orgel) gelegt. Beide füllten ihre Aufgaben mit gro­ßem Einfühlungsvermögen und großer Musikalität aus. Dabei war die Abstimmung der sich in großer räumlicher Distanz zueinander befindlichen Instrumente schwer zu bewerkstelligen, wechselten sich Orgel und Klavier doch häufig ab oder spielten gar gleichzeitig.

In den kurzen solistischen Partien erklangen sehr schöne Kantilenen auf dem Flügel – trotz stimmungstechnischer „Trübungen“ im tiefen Regis­ter – sowie farbig registrierte Orgelklänge. Die Rolle des Soliloquenten, meist als Vox Christi, hatte der junge Bariton Sungmi Kim inne. Setzte er anfangs seine Stimme noch zu sehr mit opernhaftem Gestus ein, wusste er im Verlauf des Werkes immer mehr mit lyrischen Tönen und sehr schönen, im Pianissimo verklingenden Phrasen und eindringlicher Textgestaltung zu gefallen.

Das bemerkenswerte Oratorium nach Bildern der Bibel der hochbegabten Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn-Bartholdy, entstand in nur sechs Wochen im Jahr 1831 in Berlin. Hintergrund war die Überwindung der Cholera, die in ganz Europa wieder aufgeflammt war. Das erst 1982 wiederentdeckte Werk wurde 1984 uraufgeführt. Im Gesamtensemble der Kirchheimer Aufführung hatte die Komposition kompetente und engagierte Sachwalter: Neben den Chor trat das Schwäbische Kammerorchester, verstärkt durch Mitglieder der Stadtkapelle Kirchheim und die Solisten, auf. Die düster energische Orchestereinleitung dirigierte Ralf Sach kraftvoll, mit packendem Zugriff. Das Orchester wusste mit klaren Streicherakzenten sowie schönen Bläserlinien zu gefallen und konnte die vielfältigen Klangfarben von Fanny Hensels Oratorium adäquat und tonschön ausleuchten.

Die Hauptrolle in diesem Stück spielte der Chor. Von den 16 Einzelsätzen gestaltete er sieben, häufig bis zur Achtstimmigkeit geführt. Beginnend mit der Verzweiflungsgebärde „Wehe, wehe, es ist geschehen“ über die auskomponierten Affekte von Resignation und Zuversicht im kompositorisch weit ausladenden anspruchsvollen „Trauerchor“ bis hin zum triumphierenden Schlusschor hatte die Kantorei an der Martinskirche eine tragende Rolle innerhalb des Oratoriengeschehens. Sie wusste die jeweilige Grundstimmung der Sätze genau umzusetzen. Die romantischen Linien wurden mit großem Atem und einem sehr präsenten, wandlungsfähigen, homogenen Chorklang ausgefüllt. Alles blieb im Fluss, nicht zuletzt auch durch Ralf Sachs fließende Dirigierbewegungen und präzisen Impulse.

Die Solisten sind in diesem Werk überwiegend rezitativisch berichtend beteiligt, der Tenor hat darüber hinaus eine groß angelegte dramatische Arie („Ich bin elend“) zu singen. Christine Euchenhofer, Sopran, gestaltete ihren Part mit schöner, klarer Diktion und runden Spitzentönen. Hubert Mayer übernahm souverän die Rezitative für die erkrankte Altistin und konnte dabei seinen enor­men Stimmumfang demonstrieren. In der Arie bewies er dramatischen Gestus und meisterte die exorbitanten Höhen des Stücks textverständlich und geschmeidig. Der Bass von Sungmi Kim stattete seine Partie mit sonorer, warmer Klangfülle aus, wobei er – wie auch die übrigen Solisten – gelegentlich durch das Orchester etwas „zugedeckt“ wurde.

Der zuversichtliche, kraftvolle Schlusschor entließ das aufmerksame Auditorium mit der Gewissheit in die Ostertage, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass die Hoffnung über jede Niedergeschlagenheit und Trauer obsiegen kann.

(Teckbote vom 27.04.2011)

 

Jahreshauptversammlung des "Freundeskreises Kirchheimer Kirchenmusik"

Der „Freundeskreis Kirchheimer Kirchenmusik“ unterstützt die Kirchenmusik innerhalb der Gesamtkirchengemeinde mit einem namhaften Betrag.

Der Beirat des Freundeskreises Kirchheimer Kirchenmusik mit (v.l.) der Vorsitzenden Christa Reich, Bezirkskantor Ralf Sach, Pfr. Christian Lorösch, Rosemarie Reichelt, Rainer Schreier und Günter Frey überreichen dem Vorsitzenden der Ev. Gesamtkirchengemeinde, Werner Dohrn, symbolische Banknoten für die Realisierung kirchenmusikalischer Aufführungen

So weit ist es zwar noch nicht gekommen, dass der Vorsitzende der Ev. Gesamtkirchengemeinde Werner Dohrn mit einem Geigenkasten um Spenden für die Kirchenmusik werben muss, dennoch wurde die letzte Hauptversammlung des „Freundeskreises Kirchheimer Kirchenmusik“ am 16.03.2011 gern dazu verwendet, die Wichtigkeit dieser Institution für die Realisation großer kirchenmusikalischer Konzerte in der Martinskirche und in anderen Kirchen innerhalb der Gesamtkirchengemeinde zu unterstreichen. Kostenkalkulationen gestalten sich in diesem Bereich nämlich extrem schwierig, weil die Höhe der finanziellen Aufwendungen für ein Konzert immer auch an dem jeweiligen aufzuführenden Werk festzumachen ist. Welche Instrumente bzw. Vokalsolisten werden verlangt? Welche Qualität muss der jeweilige Musizierende mitbringen? Sind die erforderlichen Noten auf dem Markt vorhanden oder müssen sie möglicherweise noch entsprechend eingerichtet werden? Wie viel Proben sind anzusetzen und nicht zuletzt: Wie populär ist das geplante Werk, damit es sich auch über die Eintrittsgelder finanziert? Am Jahresende steht immer die Bilanzierung, ob das von Bezirkskantor Ralf Sach beantragte Budget ausgereicht hat oder ob eine „Nachzahlung“ fällig wird.

Der Freundeskreis Kirchheimer Kirchenmusik, der sich etwa vor einem Jahr aus einem ausschließlich die Konzerte an der Martinskirche unterstützender Kreis zu einer gesamtkirchengemeindlichen Einrichtung ausgeweitet hat, erleichtert diese nicht leichten Finanzplanungen um ein Vielfaches. Die Beiträge seiner Mitglieder dienen der „Abfederung“ der finanziellen Restrisiken, wofür die Freundeskreis-Vorsitzende Christa Reich und Gesamtkirchenpfleger Bernd Kemmner in der Hauptversammlung herzlich dankten. Der Zuschuss, der für das vergangene Jahr in Form überdimensionaler Banknoten vom Freundeskreis Kirchenmusik an die Gesamtkirchengemeinde gewährt wurde, betrug 2.500,00 € und entspricht aufgrund der positiven Nachfrage der im letzten Jahr angebotenen kirchenmusikalischen Veranstaltungen nur der Hälfte des ursprünglich beantragten Zuschusses.

Und weil zukünftig der Freundeskreis nicht nur, wie bisher, die reinen Aufführungskosten kirchenmusikalischer Werke, sondern auch andere kirchenmusikalische Anschaffungsnotwendigkeiten wie Noten oder Pultbeleuchtungen unterstützt, wurden dem Geigenkasten Werner Dohrns noch Chornoten hinzugefügt. Werner Dohrn dankte seinerseits dem Freundeskreis für die wichtige Unterstützung, denn die Kirche sei laut der Richtlinien der „Württembergischen Landeskirche“ eine „singende Gemeinde“, in der Kirchenmusik eine tragende Säule sei. Musik wäre in der Lage das auszudrücken, wozu Worte nicht mehr imstande seien. Gleichzeitig wünschte er sich, den bereits eingeschlagenen Weg, Kirchenmusik für den breiteren musikalischen Geschmack der Kirchenmitglieder zu öffnen, konsequent weiter zu gehen. Weg von der reinen Milieubedienung und hin zu mehr stilistischer Vielfalt. Dies sei, so die Freundeskreis-Vorsitzende Christa Reich als Abschlussstatement, aber nur möglich, wenn der Freundeskreis durch notwendigen Mitgliederzuwachs auch in Zukunft weiterhin als wichtiges ideelles und finanzielles Standbein die kirchenmusikalische Arbeit innerhalb der Gesamtkirchengemeinde unterstützen kann.

Zum Beschluss der Versammlung lud Bezirkskantor Ralf Sach noch zu einem Orgelkonzert in die Martinskirche, bei dem bezugnehmend auf die brisante weltpolitische Lage die Fantasie „Weinen, klagen, sorgen, zagen“ des Jubilars 2011, Franz Liszt, erklang.

(Teckbote vom 18.03.2011)

 

Das Kirchenmusikjahr 2011 an der Ev. Martinskirche 

Kirchenmusikalische Angebote aus 7 Jahrhunderten.

Das Wahrzeichen der Martinskirchenmusik: Der Erzengel Michael

Mit dem traditionellen barocken Kammermusikkonzert „Mit Weihnachten ins neue Jahr“ am 10. Januar in der Kreuzkirche hat in der Ev. Gesamtkirchengemeinde wieder ein abwechslungsreiches und attraktives Kirchenmusikjahr begonnen. Der Spannungsbogen reicht von Ensemblemusik aus der Renaissance mit dem „Ensemble Tripla“ um Martin Hermann und Gertrud Junker am 24. September in der Martinskirche bis hin zu einem „Bandmarathon“, bei dem sich am 17. September stundenweise von 19.00 Uhr bis Mitternacht Kirchheimer Bands – ebenfalls in der Martinskirche – buchstäblich die Klinke in die Hand geben.

Im Mittelpunkt steht natürlich wieder eine neue Reihe der „Orgelmusik zur Marktzeit“, die von KMD Ernst Leuze und Bezirkskantor Ralf Sach  gestaltet wird. Auf einer der größten Orgeln Süddeutschlands, der Martinskirchenorgel, erklingen in der Zeit 30. Juli bis 10. September unter dem Motto „Europäische Orgelunion“ Werke unserer europäischen Nachbarn Frankreich, Dänemark, Polen, Niederlande u.a. Dabei soll auch gezeigt werden, dass es seit ehedem harmonische kulturelle Beziehungen zwischen Ländern gab, deren politische Umgangsformen von Konflikten geprägt war. Die beiden oratorischen „Highlights“ des Chores an der Martinskirche werden wieder bei der „Musik zur Todesstunde Jesu“ am Karfreitag, 22. April sowie am Ewigkeitssonntag, 20. November zu hören sein. Beim ersten Oratorienkonzert erklingt das erst vor wenigen Jahren veröffentlichte Oratorium „Bilder der Bibel“ der Schwester Felix Mendelssohn-Bartholdys Fanny Hensel. Dieses 1831 nach einer Cholera-Epidemie in Berlin komponierte Werk korrespondiert mit dem „Kreuzweg“ (Via Crucis) von Franz Liszt, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird. Die Besetzung für Chor, Orgel und Klavier ist für ein kirchenmusikalisches Werk so ungewöhnlich wie reizvoll. Ebenso unbekannt ist, dass der „Musical-Papst“ Andrew Lloyd Webber ein Requiem geschrieben hat.

Dieses für Chor, Solisten, Orchester und großem Schlagwerkapparat konzipierte Werk zum Tode von Webbers Vater wird am Ewigkeitssonntag in der Martinskirche zu hören sein. Das kirchenmusikalische Konzertangebot soll zukünftig mehr und mehr auf die einzelnen Gesamtkirchengemeinden verteilt werden, je nach Identität des Kirchenraums. Nach der Kammermusik „Mit Weihnachten ins neue Jahr“, die in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal in der Kreuzkirche stattfindet, gibt es mit dem Vokal-Duo „tenoere4you“ am 02. April und Melodien aus Klassik und Musical auch ein gesamtkirchenmusikalisches Angebot in der Thomaskirche. Diese Ausweitung soll in den nächsten Jahren noch intensiviert und profilierter gestaltet werden. Neu in diesem Jahr ist auch das Engagement der Kirchheimer Musikschule mit vier über das Jahr verteilten Matineen, in denen Schüler und Lehrer jeweils an den Sonntagen 17. April, 10. Juli, 09. Oktober und 11. Dezember direkt nach dem Gottesdienst zugunsten der Martinskirchenrenovierung in der Martinskirche musizieren. Weitere Kammermusikveranstaltungen werden am 02. Juli unter dem Motto „…und zum Dritten“ ein Triokonzert für Violine, Klarinette und Klavier mit Werken von Mozart, Schumann und Bruch im Alten Gemeindehaus sowie am 29. Oktober eine Flötensoiree des Flötenensembles an der Martinskirche zum Thema „Volksmusik“ sein.

Neben noch genauer zu planenden Konzertangeboten von Kirchheimer Kulturvereinen haben sich bereits verbindlich für den 23. Oktober die Jugendkantorei und vielfache Preisträgerin des „Deutschen Chorwettbewerbs“ Altensteig mit Werken von Schütz, Weelkes und Nystedt sowie der Philharmonische Chor Stuttgart am 28. Mai mit einem Konzertprogramm unter dem Motto „Die Ikone der St. Hilda“ angekündigt. Passend zum Muttertag am 08. Mai musiziert der Knabenchor „Capella Vocalis“ aus Reutlingen Chormusik zum Thema „Mater alma“ und an Christi Himmelfahrt, in diesem Jahr recht spät am 02. Juni, swingt die Martinskirche wieder – wie jedes Jahr – zu Jazzmelodien von Kenny Barron, Gil Evans und Erroll Garner.

Als Chorprojekt für geübte Sänger lädt die Kirchheimer Kantorei wieder nach den Osterferien jeden Freitagabend zu Proben für ein Konzert am 08. Oktober ein, bei dem sogenannte „Barbershops“ eingeübt werden sollen, einer Chormusikgattung, die tatsächlich in amerikanischen Friseursalons entstanden ist und einen wichtigen Einfluss auf den Jazz ausübte. Und wer einmal selbst das kompositorische Talent in sich entdecken möchte, sollte sich für den Workshop „Selbstgeschriebene Musik“ am 23. Juli, den Bezirkskantor Ralf Sach leitet, anmelden.

Nach Peter Hille ist Musik die „Sprache der Seele“. Deshalb lädt Bezirkskantor Ralf Sach herzlich zum aktiven Mitmusizieren in den unterschiedlichen Gruppen und Kreisen der Ev. Gesamtkirchengemeinde ein. Nähere Infos gibt es unter www.kirche-kirchheim.de/kirchenmusik oder bei Ralf Sach, 0 70 21 93 73 77, r.sachdontospamme@gowaway.evki-kirchheim.de.

(Teckbote vom 13.01.2011)

 

"Mit traumwandlerischer Sicherheit"

Stehende Ovationen beim Weihnachtsoratorium in der Kirchheimer Martinskirche.

 

Im Bereich seiner geistlichen Vokalmusik ist das Weihnachtsoratorium wohl das volkstümlichste Werk Johann Sebastian
 Bachs. Dass es sich in der Advents- und Weihnachtszeit zahlreicher Aufführungen und einer entsprechend breiten Rezeption erfreuen darf, mag nicht zuletzt an seiner musikalischen Bearbeitung der vertrauten Weihnachtshistorie und dem eingestreuten bekannten Liedgut liegen.

 

Mit einer solch turnusgemäßen Verankerung im Kulturleben ist auch stets die Gefahr einer Abnutzung, einer unbewussten Reduktion auf den äußerlichen Wohlklang verbunden. Um so verdienstvoller, dass es dem Gastspiel der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben und des Stuttgarter Kammerorchesters unter Leitung von Rainer Johannes Homburg in der Kirchheimer Martinskirche gelang, den künstlerischen und geistlichen Gehalt des Oratoriums in eine gegenwärtige Erfahrbarkeit zu stellen.

 

Die Aufführung aller sechs Teile bot den zahlreichen Hörern Gelegenheit, sich der zyklischen Anlage des Weihnachtsoratoriums bewusst zu werden. Die Teile I-III stellen tonartlich, formal und vom biblischen Erzählzusammenhang her ein in sich geschlossenen Bild dar, an das die Teile V und VI mit der Geschichte von den drei Weisen aus dem Morgenland organisch anschließen. Eine Sonderstellung nimmt der vierte Teil durch seine Tonart F-Dur und die Besetzung mit Hörnern in den Rahmenchören ein, was durch den ungewöhnlich kurzen, nur einen Vers umfassenden Evangelistenbericht verstärkt wird.

 

Diese groß angelegten Zusammenhänge blieben jedoch abstrakt, würden sie nicht – wie bei der Kirchheimer Aufführung geschehen – von den Interpreten mit künstlerischer Substanz erfüllt werden, die einer stilbildenden Auseinandersetzung mit Fragen der historischen Aufführungspraxis, musikalischer Rhetorik und den verschiedenen Textebenen des Werkes geschuldet ist.

 

So ist die „Wiegenlied“-Arie „Schlafe, mein Liebster“ aus Teil II, die der Alt-Stimme als Sinnbild der Mutter Maria zugeordnet ist, eigentümlicherweise von dem Gegensatzpaar „schlafe“ und „wache“ geprägt, der auch musikalisch deutlich zum Ausdruck kommt. Ein bloßes Absingen der Arie würde den zu wahrenden intimen Charakter somit auseinanderfallen lassen. Mit großer Sensibilität und gestalterischem Geschmack verstand es Solistin Takako Onodera, den auskomponierten Kontrast mit subtiler Dramatik eine hörbare Plastizität zu verleihen, ohne dem Grundgestus des Stücks zuwiderzulaufen.

 

Mark Heines, dem als Evangelist traditionell der rezitativische Vortrag der biblischen Historie zufiel, überzeugte mit seinem schlanken, hohen Tenor, mit bestechender Textverständlichkeit und deklamatorischer Präzision. Qualitäten, von denen auch seine Arien-Interpretationen profitierten: Lange Melismen, die innere oder äußere Bewegung abbildeten, waren bei ihm trotz rascher Tempi stets Ton für Ton ausgesungen, standen klar und konturiert im Raum.

 

Klarheit und Kontur spiegelte sich auch im Vortrag von Sopranistin Veronika Winter. Die „Echo-Arie“ aus Teil IV – oftmals als barocke Spielerei missverstanden – erfasste sie wesenhaft als inneren ­Dialog der gläubigen Seele mit dem Trost und Bestätigung spendenden Chris­tuskind. Unprätentiös, dennoch mit würdiger Eleganz konnte sich so die Binnenspannung von banger Frage und erlösender Antwort entfalten.

 

Winter, Onodera und Heines glückte es auch, das Terzett „Ach, wann wird die Zeit erscheinen“ in Teil V von jeglicher nivellierenden Darbietung als bloßen Wettstreits dreier Stimmen fernzuhalten. Stattdessen schälten sie den Dialog zwischen den sehnsuchtsvoll suchenden Weisen aus dem Morgenland und der Mutter Maria eindrücklich heraus, indem sie der von Bach kunstvoll-feingliedrig gewobenen musikalischen Rhetorik Atem verliehen.

 

Einen nicht minder kultivierten, tendenziell aber offensiveren Ansatz pflegte Stefan Adam, dessen traditionsgemäß irdisch gegründeten Bass­partien eine gewisse Robustheit gut vertragen konnten. Prächtig-triumphal sein Vortrag der Arie „Großer Herr, o starker König“, eher introspektiv angelegt schien „Erleucht auch meine finstre Sinnen“ aus Teil V.

 

Bei allem erwiesen sich die Musiker des Kammerorchesters im Verbund mit dem Trompetenensemble Wolfgang Bauer als exzellente Begleiter und tragende Säulen des oratorischen Geschehens. Sowohl seines nuancenreichen Klangbildes, als auch seiner solistischen Klasse wegen, wurde der Klangkörper seinem Ruf, eines der renommiertesten Ensembles seiner Art auf internationalem Feld zu sein, vollauf gerecht.

 

In puncto Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit wurde das Orchester bestenfalls von den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben übertroffen: Disziplinierte Stimmgewalt in den Tutti- und Turba-Sätzen, schlichte Demut in den Chorälen und traumwandlerische Sicherheit noch im dichtesten polyphonen Geflecht.

 

Eine solche künstlerische Präsenz vermag auch die ursprüngliche, vom Komponisten dem Chor zugedachte Aufgabe wieder vor Augen führen, die er bereits in Bachs Passionen, aber auch im Zuge einer allgemeinen Entwicklung des Oratoriums in jener Zeit erlangt hatte. So unterbricht zu Beginn des zweiten Teils der Choral „Brich an, o schönes Morgenlicht“ mit markantem Kontrast den Bericht des Evangelisten. In der Interpretation der Hymnus-Chorknaben wurde deutlich, worum es geht, nämlich an zentralen Stellen die gegenwärtige Aktualität biblischer Geschehnisse unmittelbar bewusst zu machen. Die Choräle teilten sich den Hörern als Zonen des Innehaltens, der Reflexion und Meditation mit, die gleichberechtigt, jedoch außerhalb des dramatischen Verlauf des Oratoriums stehen.

 

Zwischen solch klanglichen Innenraumerfahrungen und Momenten vokaler Prachtentfaltung bewegten sich die Hymnusianer mit berückender Souveränität. Das Publikum dankte mit langanhaltendem Applaus und stehenden Ovationen.

 

(Florian Stegmaier im Teckboten vom 21.12.2010)

 

 

Überbordende Klangvielfalt
Die "Vier Lutherischen Messen" von J. S. Bach in der Martinskirche

Bezirkskantor Ralf Sach stellt bisweilen gewagte Konzertprogramme auf. Diesmal standen zum Ewigkeitssonntag alle vier Lutherischen Messen von Johann Sebastian Bach auf einmal auf dem Programm. In der voll besetzten und dennoch unterkühlten Martinskirche machte sich neben der Vorfreude auf die Musik auch Skepsis breit, ob denn vier Messen mit jeweils dem gleichen Text nicht eine Überforderung für Gehör und Gemüt der Zuhörer wären.

Die Begründung, warum er gleich alle vier Messen in einem Konzert präsentierte, gab der Bezirkskantor in seinem Programmblatt selbst. Die Bachmessen zeigen sich in völlig unterschiedlichen Variationen zu ein und demselben theologischen Thema und geben damit einen tiefen Einblick in Bachs Glauben. Zudem hat Bach seine „vier lieben Kinder“ in einem Band zusammengefasst.

Dass das spezifisch Charakteristische und die Fülle an musikalischen Einfällen in der Kirchheimer Aufführung in besonders beeindruckender Weise zum Ausdruck kam, lag zum einen an dem gut präparierten, über 70 Mitglieder zählenden Chor, der mit intensiver und souveräner Gestaltungskraft die vier „Kyries“, „Glorias“ und „Cum sancto Spiritus“ zu einem Erlebnis werden ließ. Insbesondere, aber nicht nur das pulsierende „Cum Sancto Spiritu“ der g-Moll-Messe und das strahlende „Kyrie“ der F-Dur-Messe ließen die Herzen aufgehen. Es lag auch am eigens zusammengestellten, dennoch homogenen kammerphilharmonischen Orchester, das mit bestechender Genauigkeit und gewandten Solisten die überbordende Vielfalt der Klangfarben in Szene setzte. Angenehm glückten die Oboen- und Violinsoli, begleitet von einem kultivierten Cellospiel.

Glanzlicht des Abends war die Sopranistin Christine Euchenhofer, die beide „Qui tollis peccata“ mit hoher musikalischer Interpretationskraft umsetzte. Leidenschaftlich präsentierte Alexander Efanov seine Tenorstimme im „Quoniam tu solus“ in der G-Dur-Messe und im „Qui tollis peccata“ in der g-Moll-Messe. Weich und warm sang die Altistin Simone Alex ihre zwei „Quoniam tu solus“-Stücke und ließ, zusammen mit Christine Euchenhofer das „Domine Deus, agnus dei“ zum Genuss werden. Der bisher als exquisiter Sänger in Kirchheim bestens bekannte Winfried Müller konnte bei den Bassarien diesmal nicht so punkten, da fehlte trotz angenehmem Timbre in weiten Strecken der große musikalische Bogen. Diesen zog Ralf Sach mit seinem inspirierenden Dirigat durch alle vier sechssätzigen Messen. Er arbeitete die wuchtige Tiefe der g-Moll-Messe aus und steuerte die durchsichtige G-Dur-Messe filigran. Er lotete die tragische A-Dur-Messe aus und riss alle Interpreten und Zuhörer mit in der feierlichen, erlösenden F-Dur-Messe. Zwischen den Messen las Mareike Schmidts vom Südwestrundfunk moderne Lyrik von Hilde Domin, Rose Ausländer, Annemarie Königsberger und Kurt Marti, die ein weiteres Stimmungsbild und Erklärungen zu den altertümlichen Messetexten lieferten. Die Lutherischen Messetexte haben im Gegensatz zu den katholischen keinen „Credo“- und „Agnus Dei“-Teil.

Bleibt die Frage, ob Ralf Sachs Wagnis, gleich alle vier Lutherischen Messen aufzuführen, aufgegangen ist. Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) hätte und hat vermutlich jeweils eine Messe pro Gottesdienst aufgeführt. Aber gewundert hätte ihn diese Frage allemal. Er, der über 1 000 Werke im Laufe seines Lebens geschrieben und mindestens so viele aufgeführt hat, hätte mit dem Thema „Masse“ dieses unorthodoxen Programms keine Probleme gehabt. Für ihn war es auch kein Thema, sich selbst zu kopieren, wie er dies in seinen Lutherischen Messen getan hat. Die Chorsätze und Arien bestehen fast ausschließlich aus Überarbeitungen vorzugsweise bereits vorhandener Kantaten aus seiner Leipziger Zeit, die mit Messetexten versehen wurden. Sie bestechen gerade wegen der sorgsamen Überarbeitungen mit der Variation der Besetzungen und Formen. Eindrücklich brachten die Interpreten in der Martinskirche gerade diese Vielfältigkeit zu Gehör. Eine gewaltige Leistung aller Musiker – musikalisch wie physisch – und natürlich der im Bachschen Klanggewebe schwebenden und am Ende überzeugten Zuhörer.

(Teckbote vom 25.11.2010)

 

Alles fließt

Soiree des Flötenensembles an der Martinskirche

Dass Wasser nicht nur - im wahrsten Sinne des Wortes - in aller Munde, sondern auch ein beliebtes Thema in Musik und Dichtkunst ist, konnten die Besucher der Soiree des Flötenensembles der Martinskirche kürzlich erleben. Wasser war das Thema der Musikstücke und Gedichte, die von Mechthild Hipp, Esther Müllerschön, Regina Battenschlag, Waltraud Dratz, Eva Narr, Monika Trostel, Almut Klein und Ulrike Seidler unter der Leitung von Ralf Sach vorgetragen wurden.

Da flossen nicht nur die Jahrhunderte dahin von der Renaissancezeit im 16. Jahrhundert bis zur vom Jazz geprägten heutigen Zeit, da konnte man auch so einiges über die Bedeutung von Wasser lernen: Von der schicksalhaften Bedeutung von Flüssen, die in der Bibel erwähnt werden, etwa den "Wasserflüssen Babylon" oder dem Jordan als Symbol für die Grenze des Todes, den Übergang in die ewige Welt, zu dem er vor allem durch das afroamerikanische Spiritual wurde.

Oder von dem Vergleich von Germanen und Griechen, was deren Bezug zu Wasser oder Wein angeht. Darüber hinaus fiel es auch nicht schwer, sich durch die Art der Musik selbst entweder ans Meer, etwa die Küste Englands versetzen zu lassen, sich einen ständig tropfenden Wasserhahn vorzustellen oder die Stimmung in Schuberts Kunstlied von der Forelle nach einer Bearbeitung von Albrecht Rosenstengel nachzuempfinden - samt dem für den Beobachter erschütternden Moment, wo die Forelle dem Angler doch an den Haken geht und an der Angelrute zappelt.

Nicht zuletzt konnten die Besucher anhand von zwei Quartetten von Mozart lernen, dass der Tanz des Menuetts mit seinen Verbeugungsgesten der Haltung beim Einschenken von Wasser nachempfunden ist. Wasser also in allen möglichen Formen und Assoziationen, ein Motiv, das die Fantasie in verschiedenster Form anregte, ohne dass man deswegen gleich selber ins Schwimmen kam: Damit hielt dieser musikalische Abend durchaus, was die Überschrift versprach.

(Werner Ambacher im Teckboten vom 26. Oktober 2010)

 

Rund um den Bodensee: Orgeln ohne Grenzen

Der Kirchheimer Förderverein Kirchenmusik lernte auf einer Dreiländer-Orgelfahrt acht unterschiedliche Orgeln kennen

Erste Station der Kirchheimer Orgelfahrt war die evangelische Christuskirche Lindau-Aeschach

Bei der traditionellen Orgelfahrt des Fördervereins Kirchenmusik Kirchheim stand eine zweitägige Umrundung des Bodensees durch drei Länder mit acht Orgeln auf dem Programm. Die Auswahl der Orgeln und die kirchenmusikalische Gesamtleitung lagen in den bewährten Händen von Bezirkskantor Ralf Sach

Orgelfreunde waren gespannt darauf zu erleben, inwieweit verschiedene Klangstile über Grenzen hinaus wirken oder aber auch wie Landesgrenzen verschiedene Stilrichtungen bewahren können.

Auch Bezüge zur Heimat wurden gesucht. Ist doch die Bissinger Orgelbaufamilie Goll ein Beispiel dafür, dass – unter Brüdern – wer zu Hause blieb mit der süddeutschen Orgelbewegung zu kämpfen, und wer sich in die Schweiz absetzte, den Rücken frei für die Weiterentwicklung spätromantischer Ideale hatte.

Am Anfang der Reise stand die Ev. Christuskirche Lindau-Aeschach. Dort ist eine 1903 von Ludwig Steinmeyer gebaute spätromantische Orgel als Denkmalinstrument erhalten. In den 1970er Jahren kam ein Instrument in barocker Stilrichtung hinzu, von Winfried Albiez 1973 fertiggestellt. Ralf Sach ließ mit einer Rheinberger-Sonate die dynamisch-füllige und zugleich sehr feine Romantik der Steinmeyer-Orgel erklingen, gefolgt von einem helleren und klareren, in sich ausgewogenen Klangbild mit Bachs Präludium und Fuge in C auf der Albiez-Orgel.

Zum fulminanten Auftakt der Orgelfahrt geriet die aus dem Augenblick geborene simultane Gegenüberstellung beider Instrumente unter dem Motto „Barock trifft Romantik“. Ralf Sach an der Albiez-Orgel und Ernst Leuze an der Steinmeyer-Orgel stellten zunächst in improvisierendem Wechselspiel einzelne Register im direkten Vergleich vor. Zum begeisternden Hörerlebnis wurde dies schließlich, als die beiden Organisten sich improvisierend gegenseitig begleiteten.

Der nächste Besuch galt im österreichischen Bregenz der 1931 fertiggestellten Orgel von Josef Behmann. Sie ist der gelungene Versuch, mit 60 Registern die Klangwelten von Spätromantik und barockisierender Orgelbewegung zu harmonisieren. Und sie zeigt, wie zeitlose Tugenden des Orgelbaus hochgehalten und in Fortschrittszeiten herübergerettet werden können. Organist Helmut Binder badete sichtlich in der enormen Klangfülle „seiner“ Orgel und ließ bei der Vorstellung einzelner Register – mit der Besonderheit einer wunderbaren Flötenschwebung – mit österreichischem Charme immer wieder Variationen zu „auf de schwäb’sche Eisebahne“ erklingen.

Mit dem nächsten Instrument befand man sich bereits in der Schweiz in St. Gallen-Linsebühl und traf dort auf den bekannten Namen Goll aus Bissingen. Während der Kirchheimer Carl Ludwig Goll sich mit dem barocken Klangideal der deutschen Orgelbewegung auseinanderzusetzen hatte, konnte sein in Luzern ansässig gewordener Bruder Friedrich Goll in eidgenössischer Ruhe eine spätromantische Orgel bauen, die 1896 fertiggestellt war. Vom Kompromiss zwischen deutscher und französischer Stilrichtung waren manche Teilnehmer beeindruckt, andere vermissten eine charakteristische Individualität.

Zur Tradition der Orgelfahrten gehört auch der Besuch einer kleinen Dorfkirche – in diesem Jahr der Wallfahrtskirche Mariä Geburt St. Pelagiberg. „Klein aber fein“ präsentiert sich dort mit dezentem romantischem Klang die 1890 gebaute Orgel von Friedrich Goll.

Der Vereinsvorsitzende Karl-Otto Alpers, der aus historischer Sicht durch die Rundreise führte und Beziehungen zum Heimatraum aufspürte, konnte hier die Verbindung vom Heiligen Pelagius zur heimischen Diepoldsburg und zum benachbarten Denkendorf aufzeigen.

Der erste Tag endete wieder auf deutschem Boden, in der Kath. Kirche St. Stephan Konstanz. Dort steht seit 1996 ein herausragendes Instrument, in barocker Stilrichtung von Georges Heintz aus Schiltach im Schwarzwald gebaut. Die Fantasie und Fuge g-Moll von J.S.Bach, mit der Ralf Sach die prächtige, strahlende Klangfülle der Heintz-Orgel vorstellte, wurde am Ende des ersten Tages als bisheriger Höhepunkt empfunden.

Ebenfalls zur Tradition der jährlichen Orgelfahrt gehört ein Erntedankgottesdienst. Er wurde im Reichenauer Münster in Mittelzell in diesem Jahr als „politisches Erntedankfest“ am Tag der Deutschen Einheit besucht.

Die darauffolgende Besichtigung der Burg Meersburg beinhaltete auch Rezitationen von Gedichten der Annette von Droste-Hülshoff, die auf der Burg gelebt hatte. In der Schlosskirche überraschte Ralf Sach mit einem Sologesang. Er trug zwei von Droste-Hülshoff selbst vertonte Gedichte vor und begleitete sich selbst auf der im Rokoko-Stil 1978 von Fritz Weigle aus Echterdingen geschaffenen Orgel.

Schlusspunkt der Orgelerkundung war die Kath. Pfarrkirche St. Martin in Langenargen. Im dortigen Instrument sind Teile aus drei verschiedenen Epochen vereint, seine heutige Form erhielt es 1978 vom Orgelbauer Winfried Albiez aus Lindau.

48 Register, verteilt auf drei Manuale und Pedal, fügen deutsch-barocke Klangwelt und Romantik mit französischer Ausrichtung zusammen. So erlebte man ein Meisterwerk der Orgelbaukunst, präsentiert von einem Meister der Orgel. Kirchenmusiker Martin Beck, äußerlich nur scheinbar zurückhaltend, aber innerlich aus vollem Herzen schöpfend, gab eine kompetente und brillante Einführung in Orgelbau und –stilkunde. Er stellte die einzelnen Register vor, von der bombastischen Bombarde 16 Fuß bis hin zu den feinsten Schwebungen.

Eine wunderbare Stimmung in der lichtdurchfluteten Barockkirche mit gewaltigem, himmelstürmendem Orgeljubel war der krönende Abschluss einer mitreißenden Orgelfahrt.

(Dr. Roland Krämer im Teckboten vom 13.10.2011)

 

Neue "Saiten" der Kirchheimer Kirchenmusik

Sonderkonzert des "Freundeskreises Kirchheimer Kirchenmusik" mit Georg Lawall

Georg Lawall konzertierte für den Freundeskreis Kirchenmusik

Dass ein Kirchenkonzert mit einem Choral endet, ist durchaus nichts Ungewöhnliches. Dass es sich dabei  aber um ein Weihnachtslied handelt, überrascht gegen Ende der Sommerzeit schon eher. Ziemlich gewöhnungsbedürftig (im positiven Sinne!) war dann aber auf jeden Fall der intime Gitarrenklang, der „Ich steh‘ an deiner Krippen hier“ kleidete. Doch, was die Überraschung dann wieder relativierte: Es handelte sich um ein Konzert mit Georg-Friedrich Lawall. Jedenfalls, die Lawall’s Fabel für unberührtes Gelände kennen, überraschte dies nicht. Denn kurz zuvor bewies der - natürlich „Kirchheimer“! – Gitarrenvirtuose, dass auch die von vielen Klavieranfängern gefürchtete F-Dur-Sonatine von Beethoven im Wesentlichen auf sechs Saiten  zu reduzieren ist. Beethovens F-Dur-Sonatine in einem Kirchenkonzert?!

Eigentlich war es gar kein Kirchenkonzert, zu dem der „Freundeskreis Kirchheimer Kirchenmusik“ letzten Samstagabend einlud. Ein Dankeschön war es – wie Bezirkskantor Ralf Sach bei seiner Begrüßung ausdrücklich betonte – an all die Freunde und Förderer der Kirchenmusik an der Martinskirche und darüber hinaus. Und weil die natürlich mit allen kirchenmusikalischen Wassern gewaschen sind, musste Neuartiges und Ungewohntes her. Wie etwa der ungewohnte Aufführungsort. Überall ist in der Martinskirche schon konzertiert worden: Im Chor, vor dem Altar, auf der Orgelempore, vor der Kirche, unter der Empore. Nie aber kam bisher die „schnucklige“ Sakristeikapelle mit ihren mittelalterlichen Fresken zu ihrem Recht. Und Georg Lawall wusste ihr durchaus Recht zu verschaffen. Ob laut und kräftig bei der pompösen Ouverture aus Georg Friedrich Händels d-moll Suite oder mit kaum hörbaren, seidenen Flageoletts in „Alapium- Rosebud“, einer eigenen Fantasie über das Werden allen Lebens. Hier schloss sich der Kreis. Denn um einen Neuanfang geht es auch dem neuen Beirat des „Freundeskreises Kirchenmusik“ um Vorsitzende Christa Reich. „Unsere Mitglieder dürfen nicht nur als willkommene Geldgeber angesehen werden.

Insbesondere, um  den Freundeskreis für neue Interessierte attraktiv zu machen, bedarf es auch einer intensiveren Mitgliederpflege als bisher.“ Etwa, in Form dieses Sonderkonzerts für Freundeskreismitglieder. Auch andere Angebote werden momentan noch entwickelt. Ein erster wichtiger struktureller Schritt ist allerdings bislang schon vollzogen worden, in dem der bisherige „Freundeskreis Kirchenmusik an der Martinskirche“ auf die Kirchheimer Gesamtkirchengemeinde ausgeweitet wurde. Dies macht die Mitgliedschaft auch für solche Kirchenmusikliebhaber interessant, die geografisch nicht unbedingt zur Martinskirchengemeinde gehören und vielleicht schwerpunktmäßig eher die eigene parochiale Kirchenmusik vor Augen haben.

„Es ist so wie bei der spätmittelalterlichen Krippendarstellung über dem Altar der Martinskirchen-Sakristei“, meinte nach der Veranstaltung ein Konzertbesucher, „das Jesuskind zeigt mit dem Finger auf all die Kirchtürme in der Stadt am Horizont. Damit scheint es die intime Versammlung um die Krippe auflösen zu wollen.“ Ralf Sach dankte Georg Lawall mit einem Strauß Zwergäpfel für seine vielseitige und anregende Musikdarstellung. Auch der Apfel sei ja ein Symbol des neuen Lebens. Und neue Lebensimpulse wären allerorts dringend vonnöten. Mit einem Stehempfang im Chor der Martinskirche – es gab unter anderem Kirschlikör der eigenen Martinskirchenstiftung – und fruchtbaren Gesprächen vor dem Hintergrund einer mystisch angestrahlten Martinskirchenorgel ging ein beeindruckender Auftakt für neue weitere Schritte des „Freundeskreises Kirchheimer Kirchenmusik“ zu Ende. 

(Teckbote vom 29.09.2011) 

 

Virtuos wie andere auf dem Rasen

Ralf Sach und Johannes Stortz musizierten gemeinsam

Kirchheim. 1:1, Musik für Posaune gegen Orgel war für letzten Sonntag in der Martinskirche Kirchheim angekündigt. Viele Schlachtenbummler fanden sich ein, um die prominenten Spieler zweier wichtiger musikalischer Kirchheimer Ligen zu erleben: Johannes Stortz und Ralf Sach. Nachdem das Ergebnis laut Programm schon feststand – unentschieden – blieb für die Spieler als einzige Überraschungsmöglichkeit nur noch, die Seiten zu wechseln: Orgel gegen Posaune.

Nicht dass Ralf Sach zu laut registriert hätte, im Gegenteil: Einfallsreich und virtuos zog er nicht alle Register. Auch verzierte er den einfachen Notentext so rücksichtslos, dass – wäre ein Schiedsrichter im Spiel gewesen – es Gelbe Karten gehagelt hätte. Bei so viel selbstverliebtem Ballzauber erreichten die Pässe den armen Posaunisten meist viel zu früh: Torchancen gleich null! Dabei war die Musik selbst gar nicht so schlecht: ein Potpourri aus diversen Suitensätzen Melchior Franks (mehr für seine Motetten bekannt als für seine Instrumentalmusik); natürlich nicht für Posaune und Orgel geschrieben, sondern geschickt, sehr geschickt arrangiert im Auftrag eines pfiffigen Bläserverlags.

Dann ging die Posaune vom Rasen, und Ralf Sach konnte virtuos mit enormem Klangsinn und viel Musik in den Fingerspitzen Sweelincks Liedvariationen auf dem Rasen, pardon, „Unter der Linden grüne“ zelebrieren.

International wie bei „Fußballack“ ging es weiter. Der deutsche Wahlengländer Johann Ernst Galliard, Zeitgenosse Händels, war von Haus aus Oboist, komponierte aber viel fürs Fagott. Ein gefundenes Fressen für Posaunisten, die mit bestem Gewissen diese anmutige Musik auch für ihr Instrument reklamieren dürfen. Die Gelben Karten waren zwar nicht mehr nötig, dafür gab es nun aber zwei Kapitäne auf der Empore.

Die Zuhörer hat die Rivalität amüsiert, mussten sie sich doch beim nachfolgenden Beethoven eher langweilen. Ralf Sach hielt zwar tapfer dagegen, aber kein Organist der Welt könnte den Modulationsübungen des Jünglings Beethoven so viel Leben einhauchen, dass aus einer trockenen Studienarbeit eine Kunstwerk werden könnte. Es handelte sich um „Präludium durch alle Dur und Molltonarten“.

Dann endlich ein Stück zeitgenössischer Musik: Bernhard Krols Sinfonia sacra über das Lied „Jesu, meine Freude.“ Ein etwas bombastischer Titel für ein episodenhaft hübsches Stück, das die beiden Matadoren Sach und Stortz endlich richtig zusammenführte.

An die Kathedrale von Kalocsa konnte man dann denken bei einer Bach-Bearbeitung von Franz Liszt. Ralf Sach traf genau den imperialen, leicht morbiden Ton aus der Donaumonarchie.

Die letzten Spielminuten galten einem Franzosen: Alexandre Guilmant. An seinem „sinfonischen Stück für Posaune und Klavier“ kommt kein Posaunenvirtuose vorbei – aber auch kein Organist. Denn da hilft alle Registrier- und Tastenkunst nichts: Die Orgel kann zwar ein Orchester ersetzen, ein Klavier aber kaum. Trotzdem verfehlte die Musik ihre durchschlagende Wirkung nicht, auch wenn Johannes Stortz gelegentlich etwas zu hoch hinaus wollte.

Es gab verdiente Standing Ovations, die mit einer Dixie-Nummer belohnt wurden. Unbedingt mehr davon, Johannes, beim nächsten Anpfiff!

(KMD Ernst Leuze im Teckboten vom 27.07.2010)

 

"La vie en Rose"

Hommage à Edith Piaf bei der "Kirchheimer Orgelnacht"

Waren die Grenzen zwischen „weltlicher“ und „kirchlicher“ Musik eher fließender als heute, zerstreute das einfühlsame Musizieren der beiden Musiker Edith Mädche (Gesang) und Bezirkskantor Ralf Sach (Orgel) Reste etwaiger Vorbehalte. In einer Hommage an die berühmte Pariser Sängerin Edith Piaf erklangen einige ihrer bekanntesten Titel wie „La vie en Rose“, „Les Amands de Paris“, „Au Revoir“ und andere. Edith Mädche und Ralf Sach erwiesen sich dabei als kongeniale Sachverwalter des Erbes von Edith Piaf. Dezent verstärkt erklang die dunkle, ausdrucksstarke Stimme der Sängerin und traf die Herzen der Zuhörer. Besonders einfühlsam die Begleitung von Ralf Sach, der sowohl auf die Sängerin einzugehen verstand als auch der Orgel „unerhörte“ Klänge entlockte. Man glaubte sich plötzlich an Musette- oder Akkordeonklänge erinnert. Zwei Orgelbearbeitungen aus Weills „Dreigroschenoper“ fügten sich nahtlos ins Programm.

(Teckbote vom 29. Juli 2010)

 

Aus der Dunkelheit ins Licht

Beeindruckende Aufführung von Dvoraks "Stabat Mater" in der Kirchheimer Martinskirche

Eine besonders eindrucksvolle Vertonung der Mariensequenz „Stabat mater dolorosa“ für Soli, Chor und Orchester wurde im diesjährigen Karfreitagskonzert  der Martinskantorei zu Gehör gebracht. Unter der Leitung von Bezirkskantor Ralf Sach musizierten Isabelle Müller – Cant, Sopran, Cecilia Tempesta, Alt, Rüdiger Husemeyer, Tenor und Matthias Baur, Bass als Solisten, der Chor an der Martinskirche, das Schwäbische Kammerorchester sowie Mitglieder der Stadtkapelle Kirchheim.

Mit Dvoraks Werk setzte Ralf Sach die erfreuliche  Tradition fort, Beteiligte und Hörer mit prächtigen, aber eher selten gespielten Meisterwerken der Musik in Kontakt zu bringen. Angesichts des Stückes mit seinen ungeheueren Dimensionen und  Anforderungen an alle Beteiligte stellte sich schon die Frage, ob das mit den zur Verfügung stehenden Kräften zu schultern war – zumal in einem Zeitraum von etwa 3 Monaten. Sachs Mut und Motivationsgabe, verbunden mit einem hohen Maß an Musikalität wurde belohnt.

Eine konzentrierte Stille empfing alle Mitwirkenden beim Konzert am Todestag Jesu. Dunkle, fahle Oktaven im Orchester eröffneten den ersten, sehr ausgedehnten  von insgesamt 10 Werkabschnitten.  Ein Gefühl unendlicher Leere wird ausgebreitet, selbst dann noch, als die Oktaven durch eine absteigende chromatische Figur ausgefüllt werden. Nach dem eindringlich musizierten Orchestervorspiel , das den Hörer mit großen dynamischen Ausbrüchen und Kontrasten konfrontierte, setzte der Chortenor, stimmlich prägnant mit dem 1.Teil der Strophe ein. Wie eine einsame, verzweifelt klagende Stimme. Ralf Sach verstand es dabei die immensen Spannungsbögen zu halten und Solisten, Chor und Orchester zu großen dynamischen Ausbrüchen zu führen. Der Chor hinterließ einen hervorragenden Eindruck, sang sehr textverständlich ,mit großer Emphase und wusste sowohl in den lyrisch, kantablen Stellen als auch in den dramatischen Sequenzen zu gefallen.

Gut unterstützt wurden hierbei die Sängerinnen und Sängern vom Schwäbischen Kammerorchester und Bläsern der Stadtkapelle. Im 2.Teil, einem Soloquartett mit Orchesterbegleitung hatten diese Gelegenheit, ihre Stimmen ausführlich zu präsentieren. Hier konnten besonders die warme Altstimme von Cecilia Tempesta und der dramatisch angelegte Sopran von Isabelle Müller – Cant – mit schönen Pianotönen – überzeugen. Die Stimme des Tenors, Rüdiger Husemeyer, klang in den oberen Lagen – wie schon zuvor bei seinem Einsatz im 1.Teil - angestrengt, der wohlklingende und deutlich artikulierende Bass von Matthias Baur ließ im Bassregister die nötige Durchschlagskraft vermissen, fügte sich aber ansonsten harmonisch in den Gesamtklang ein. Das Orchester begleitete einfühlsam.Tiefe Streicher intonierten den Beginn des nächsten Teils, Eja mater,fons amoris (Gib, o Mutter, Quell der Liebe), vom Chor nahtlos aufgenommen. Der Kontrast von Streicherakkorden und punktierten  Bassmotiven ,der eine trauermarschähnliche Grundstimmung schuf, wurde gut von Orchester und Chor transportiert. Lediglich die Choreinsätze bei „Fac“ gerieten den Oberstimmen zu massiv.

Im 4.Satz stand der Basssolist ganz im Mittelpunkt. Nach einem wuchtigen Akkord in B-Moll trug der Sänger  expressiv seinen Text vor. Wunderschöne Kantilenen in den Holzbläsern unterstützten ihn dabei. Matthias Baur sang seinen Part sehr klangschön und genau intonierend. Besonders gut gelangen ihm und dem Orchester, zart kontrastiert vom Frauenchor und Gesamtchor – zurückhaltend an der großen Martinskirchenorgel begleitet von Ernst Leuze -  die lyrischen Abschnitte des Teiles. Mit diesem Satz wechselte die obige angesprochenene Erzählperspektive, hin zu einer mehr subjektiven Betrachtungsweise, symbolisiert durch die – von der Grundtonart  H – Moll – weit entfernte Tonart B – Moll. Von hier an wendet sich Dvorak „zurück nach Hause“, der musikalische Gestus wird heller und freundlicher. Erstaunlich gelöst floss in fast tänzerischer Leichtigkeit der 6/8 Rhythmus des Tui nati vulnerati in Satz 5 in Chor und Orchester. Beeindruckend, wie durch die gründliche Vorarbeit und das sensible Dirigat des Bezirkskantors Ralf Sach, Chor und Orchester nahtlos  von expressiver Dramatik zu lyrischer Innigkeit fanden.

Satz 6 wurde vom Komponisten wieder völlig anders gestaltet. Der Tenorsolist singt quasi als Vorsänger eine eingängige Melodie, die vom Chor sofort aufgegriffen und  weitergeführt wird. Rüdiger Husemeyer gestaltete seine Partie mit ansprechender Stimme und klarer Diktion. Im 7.Satz bewältigte der Chor die teilweise komplizierten Modulationen und a-capella Stellen sehr professionell. Satz 8 und 9 boten nochmals den Solisten Gelegenheit, ihre Stimmen zu präsentieren. Satz 8 , angelegt als Duett  für Sopran und Orchester schwelgte in lyrischen Melodien, die schönstimmig und intensiv von den beiden Solisten dargeboten wurden.

Im 9.Satz überzeugte die Altistin durch die Expressivität ihrer Textausdeutung. Höhepunkt des Konzertes bildete der letzte Satz mit einer sehr konzentrierten Darbietung aller Beteiligten. Das Hauptmotiv aus Satz 1 wird nochmals aufgegriffen. Aber gleichfalls als habe der Komponist das ganze Stück lang auf die Worte „Paradisi gloria“ gewartet, führt Dvorak den Satz zu einem grandiosen Höhepunkt. Nach einer schnellen Fuge mit steter Steigerung von Dynamik und Tempo mündet das Werk in eine 7stimmige a- capella in dreifachem Forte zu singenden Vision des ewigen Lebens und schließt mit Chor und Solisten in der lichten Tonart D-Dur.

Das Gesamtensemble meisterte diesen Kraftakt zum Schluss mit großer Konzentration und Intensität. Nach Glockengeläut und Stille belohnte warmer Beifall aus der voll besetzten Kirche alle Akteure des Konzerts 

(Teckbote vom 07.04.2010)

 

Von "Gregorianica" bis zum "Weihnachtsoratorium"

Das Kirchenmusikjahr 2010 an der Martinskirche setzt unterschiedliche musikalische Akzente

Bezirkskantor Ralf Sach gestaltet einen Großteil der Kirchenkonzerte selbst

Die Ev. Martinskirchengemeinde und Bezirkskantor Ralf Sach laden in diesem Jahr wieder zu einem abwechslungsreichen und attraktiven kirchenmusikalischen Angebot ein, das sich von der italienischen Renaissance-Chormusik über Jazzklänge von Miles Davis und Herbie Hancock bis hin zur „Gregorianica“-Veranstaltung erstreckt, in der mittelalterliche Gesänge aus dem 10. Jahrhundert mit aktuellen Pop-Sounds eine ungewöhnliche Verbindung eingehen.

Nach dem traditionellen Barockkonzert „Mit Weihnachten ins neue Jahr“ , das vor zwei Wochen wegen der Winterkirche von der Martins- in die Kreuzkirche verlegt wurde, beginnt der Martinskirchen-Veranstaltungsreigen am Sonntag, 07. Februar um 17.00 Uhr mit diesem Konzert und demonstriert so die enorme musikalische Bandbreite, in der sich Kirchenmusik an der Martinskirche bewegt: „Mittelalter meets Pop“. Karten für dieses eindrückliche Ereignis gibt es neben den bekannten Vorverkaufsstellen in Kirchheim auch an der Abendkasse.

Das Kirchenmusik mehr ist als Bach-Kantaten und Bruckner-Motetten, wird der ebenso schon traditionelle Jazz-Gottesdienst „Swing to heaven“ an Christi Himmelfahrt (13. Mai, 18.00 Uhr) beweisen, in dem die beiden renommierten Jazzmusiker Wolf Dobberthin (ZDF-Showband) und René Christmann (Berry-Blue-Band) zusammen mit Ralf Sach Swing-Melodien zum Erklingen bringen, die man nur auf dem zweiten Blick mit dem biblischen Ereignis der Himmelfahrt Christi im Zusammenhang vermutet. Aber mit dem „Zweiten“ sieht man ja bekanntlich… Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist eine Spende in selbst gewählter Höhe. Die liturgische Leitung liegt dabei in den Händen von Pfarrerin Daniela Reich.

Zwei kammermusikalische Konzerte ergänzen die erste Jahreshälfte, wobei das erste am 19. Juni um 19.30 Uhr (Altes Gemeindehaus) den beiden Jubilaren Robert Schumann und Frédéric Chopin gewidmet ist, deren Geburtstage sich in diesem Jahr zum 200. Mal jähren.  Dr. Bernhard Moosbauer und Ralf Sach stellen an diesem Abend Kompositionen für Bratsche und Klavier dieser beiden Romantiker vor, die sich unter dem Motto „Hut ab, ihr Herren, ein Genie!“ vor allem als künstlerische Verneigung Schumanns vor Chopin zusammen fassen lassen. Schumann äußerte sich so in einem Brief an Mendelssohn-Bartholdy, der ebenfalls mit einer Komposition vertreten sein wird. „1:1“ ist die Veranstaltung am 25. Juli (Sonntag) um 17.00 Uhr in der Martinskirche überschrieben, in der Ralf Sach (Orgel) zusammen mit Johannes Stortz (Posaune) Werke von Johann Ernst Galliard, Alexandre Guilmant und Bernhard Krol musizieren wird. Zu beiden Kammermusikkonzerten werden Karten jeweils an der Abendkasse angeboten.

Als monumentale Konzertveranstaltungen gelten Jahr für Jahr in der Martinskirche die beiden Oratorienkonzerte des Chores an der Martinskirche. Großer Nachfrage erfreut sich dabei besonders die bereits zum vierten Mal statt findende „Musik zur Todesstunde Jesu“, Karfreitag, 02. April um 15.00 Uhr nachmittags. In diesem Jahr führt Bezirkskantor Ralf Sach zusammen mit dem Chor an der Martinskirche, dem Schwäbischen Kammerorchester, Mitgliedern der Kirchheimer Stadtkapelle sowie Vokalsolisten das anrührende  „Stabat Mater“, einem großartigen Gesang  auf die leidende Mutter Jesu, des böhmischen Romantikers Antonin Dvorak auf. Dvorak bezeichnete sein Werk sinniger Weise als „Trauergesang der Mutter Erde über das unendliche Leid, das Menschen sich gegenseitig zufügen“. In dem zweiten Oratorienkonzert am 21. November (Volkstrauertag) um 17.00 Uhr erklingen unter der Friedensbitte „Dona nobis pacem“ die vier sogenannten „Lutherischen Messen“ von Johann Sebastian Bach. Gegenüber der großen H-Moll-Messe nehmen sie nur, was ihre Länge betrifft, eine untergeordnetere Rolle ein. Musikalisch gesehen sind sie als noch kaum gebührend wahrgenommene „Juwelen“ zu betrachten, die Bach nicht umsonst zu großen Teilen in sein Kantatenschaffen eingearbeitet hat. Neben dem Chor an der Martinskirche musizieren Vokalsolisten und das schon für Martinskirchenkonzerte eingespielte Kammerorchester, das von Eduard Funk (Bläser) und Dr. Bernhard Moosbauer (Streicher) zusammen gestellt wird. Karten zu beiden Oratorienkonzerten sind etwa zwei Wochen vor Konzertbeginn in der Ev. Kirchenpflege oder an der Konzertkasse erhältlich.

Die große Renschorgel der Martinskirche erklingt erwartungsgemäß wieder konzertant bei der beliebten Konzertreihe „Orgelmusik zur Marktzeit“ vom 31. Juli bis zum 18. September, immer samstags um 11.00 Uhr. In diesem Jahr heißt das Motto „Reine Formsache“. An jedem dieser Samstage nimmt Bezirkskantor Ralf Sach und Kirchenmusikdirektor Ernst Leuze jeweils eine bestimmte orgelmusikalische Gattung unter die Lupe. So ist das Programm am 31. Juli, in dem es um die Toccata gehen wird mit „Ein wenig verrückt“ überschrieben, während es bei „Bleibt alles anders“ am 04. September um bekannte Variationsfolgen gehen wird. Die Eintritte sind jeweils frei. Um großzügige Spenden wird herzlich gebeten.

Mit einer Tasse Tee und den berühmten Bachschen „Goldberg-Variationen“ wird belohnt, wer am 31. Oktober um 3.00 Uhr früh die Martinskirche besucht. Anlässlich der Zeitumstellung von der Sommer- auf die Winterzeit spielt Ralf Sach auf der Orgel dieses angeblich für den unter Schlafstörungen leidenden Grafen von Goldberg  geschriebene Werk und wer um 3.00 Uhr diesem Konzert beiwohnt, bekommt nach einer Stunde diese Zeit wieder „zurück erstattet“.

Für geübte und gern geforderte Chorsängerinnen und Chorsänger beginnt ab dem 16. April wieder eine Arbeitsphase des Projektchors „Kirchheimer Kantorei“, an deren Ende am 09. Oktober um 19.30 Uhr ein A-capella-Konzert mit Madrigalen von Claudio Monteverdi und Carlo Gesualdo steht. An einer aktiven Teilnahme Interessierte werden um Anmeldung bei Bezirkskantor Ralf Sach gebeten. Das Konzert selbst ist ein Angebot bei freiem Eintritt.

Bevor das Kirchenmusikjahr an der Martinskirche ganz klassisch mit dem Bachschen Weihnachtsoratorium, gesungen von den Stuttgarter Hymnuschorknaben, am 19. Dezember (4. Advent) um 17.00 Uhr endet, lädt noch das Flötenensemble der Martinskirche am 23. Oktober um 19.30 Uhr zu einer Soiree unter der Überschrift „Alles fließt“ ein. Dabei erklingt Flötenmusik in unterschiedlichen Besetzungen über das 2. Element, von der gregorianischen Einstimmigkeit bis hin zum ausgelassenen Ragtime. Auch hier wird statt eines Eintritts um eine Spende gebeten.

Neben diesen offiziellen kirchenmusikalischen Angeboten, über die auf der Homepage www.kirche-kirchheim.de/kirchenmusik und auf ausliegenden Flyern noch weitere Infos zu erhalten sind, finden in der Martinskirche auch immer zusätzliche Konzertangebote von Gastveranstaltern statt, auf die dann jeweils kurzfristig in der Presse hingewiesen wird. Wer sich für eine aktive Mitwirkung bei den kirchenmusikalischen Gruppen und Kreisen der Martinskirche interessiert, erhält gerne weiterhelfende Informationen bei Bezirkskantor Ralf Sach, r.sachdontospamme@gowaway.evki-kirchheim.de, Tel. 0 70 21 – 93 73 77.

(Teckbote vom 21.01.2010)

 

„Neue Spielräume“

Traditionskonzert „Mit Weihnachten ins neue Jahr“ diesmal in der Kreuzkirche

Glaubt man der Tonartenbeschreibung des barocken Musiktheoretikers Johann Mattheson, so eignet sich F-Dur am besten, „die schönsten Gefühle der Welt auszudrücken“. Und er fügt hinzu: F-Dur sei vergleichbar einem „Menschen, dem alles zu gelingen scheint, was er tut“. Diese vielleicht etwas intensiv formulierten Sätze können als Überschrift der traditionellen Konzertveranstaltung „Mit Weihnachten ins neue Jahr“ gelten, die am letzten Sonntag wegen der geschlossenen Martinskirche in der Kreuzkirche stattfand.

Das Barockensemble mit Martin Hermann (Flöte), Dr. Bernhard Moosbauer (Violine), Sabine Bruns (Cello) und Ralf Sach (Cembalo) zeichnete in einem faszinierend weiten Bogen musikalischer Gefühlszustände nach, der in Georg Philipp Telemanns später F-Dur (eben F-Dur) Triosonate ihren Anfang nahm und bezeichnender Weise in der Sonate f-Moll des selben Komponisten sein Ende fand. Sollte tatsächlich die Verkehrung von Dur nach Moll einen „schmerzhaften Nachklang“ - ebenfalls Mattheson - bewirken? Wenn ja, dann war dies sicher nur scherzhaft gemeint, denn die fröhliche Zugabe, eine stampfende Chaconne des Hamburger Komponisten Johann Christian Schickhardt, zerstreute aufkommende trübsinnige Gedanken.  Doch die Eingangssonate war natürlich mit ihrer wiegenden Andante-Einleitung auch eine Reminiszenz an Weihnachten und der dafür typischen Musikgattung der Pastorale. In der delikaten Akustik des Kreuzkirchenraums gerieten die feinen pastoralüblichen Echos im letzten Satz zu einem echten Hörgenuss. Insbesondere Martin Hermann wurde dabei viel abverlangt, um bei den Pianostellen die Stimmung zu halten. Es glückte ihm nicht nur, er verzierte seine Phrasen auch mit einer Leichtigkeit und Noblesse, die erstaunte. Wie ein entschwebender Engelchor verklang dieser Satz und setzte so einen Doppelpunkt für den folgenden strengen Kanon, mit dem unüblicher Weise Arcangelo Corelli seine Sonata d-Moll für Violine, Cello und Basso Continuo beginnen ließ.

Bernhard Moosbauer und Sabine Bruns gestalteten diesen fast bizarr wirkenden Vivace-Satz im Duett ganz ohne Continuo-Begleitung, was die Kunstfertigkeit dieser Komposition noch plastischer werden ließ.  Die als „Sonata da camera“ mit drei Tanzsätzen konzipierte Komposition wirkte in ihrer Dichte wie ein ernüchternder Kontrapunkt zur anmutigen Eingangssonate Telemanns. Einzig in der Sarabande konnte Bernhard Moosbauer seine Violine seufzen und singen lassen, was, sekundiert vom klar strukturierenden Continuo-Part diesen Satz zu einem Raum gelassener Ruhe machte, bevor eine spukhafte Giga in d-Moll diese Satzfolge jäh beendete. Sabine Bruns und Bernhard Moosbauer zeigten sich hier als stets hoch konzentrierte und meisterhaft musizierende Kommunikationspartner, die nicht nur souverän, sondern auch ausdrucksstark ihre Instrumente zum Klingen brachten.

Wenn die Corellische Sarabande Ruhe und Gelassenheit verkörperte, so steigerte sich dies in der Komposition der selben Gattung von Johann Sebastian Bach zu einem raumgreifenden Erlebnis. Ralf Sach ließ die Sarabande D-Dur aus der Partita BWV 828 auf dem Cembalo geradezu zu einem theatralischen Selbstgespräch erwachsen, auf das die Worte Schumanns über Bach passen würden, es war, „als wenn sich das Ewige mit sich selbst unterhielte“. Immer wieder kam es zu Einschnitten absoluter Bewegungslosigkeit, die Ralf Sach in der wunderschön tragenden Akustik des Kreuzkirchenraums sinnig auskostete.

Apropos: Zeit. Endlosigkeit wurde in der Barockmusik gern in der sich ständig wiederholenden Bassfigur einer Chaconne oder Passacaglia dargestellt. Die zwei in diesem Programm aufgenommenen Chaconnes des Altitalieners Andrea Falconiero und des Händelschülers Schickhardt trugen allerdings den wenig ehrbaren Zusatz „La Follia“, was so viel wie „lärmend“, aber auch „verrückt“ bedeutet. Die vier Instrumentalisten hatten denn auch sichtlich Freude, der gewollten Tollheit durch überpointierte Rhythmen und ausladende Verzierungen gebührenden Ausdruck zu verleihen, was an manchen Stellen etwas übermütig zu Lasten metrischen Prägnanz geriet. Eine ganz andere Passacaglia ist Henry Purcells Beitrag zu dieser Gattung in der Tragiktonart c-Moll. Ungewöhnlich die Instrumentenpaarung obligates Cello und „Flauto dolce“ mit Cembalobegleitung! Und wie anrührend der unendliche Klagegesang von Martin Hermann und Sabine Bruns geradezu zelebriert wurde! Man hatte nicht den Eindruck, als wäre dieses Stück nach der Schlusskadenz wirklich zu Ende. Faszinierend auch die stellenweise entfernt an Rachmaninow erinnernde Harmonik mit Sekundreibungen und langen Vorhaltsketten. Der wiegende Bassrhythmus unterstrich den Charakter eines dunklen Lamentos, vielleicht zum Abschied von unbeschwerten Weihnachtsfesttagen?

Es gehört immer auch zum Identität der Konzerte „Mit Weihnachten ins neue Jahr“, interessante musikalische Neuentdeckungen vorzustellen. In diesem Jahr war es die A-Moll-Sonata für Flöte und Basso Continuo von Georg Friedrich Händel, die bislang nur in einem Erstdruck vorliegt. Auch hier überraschte die strenge kontrapunktische Arbeit zwischen Flöte und Cello, die in Händel-Sonaten sonst eher selten anzutreffen ist. Der Flötenpart trat mitunter sogar hinter das sich hier und da in den Vordergrund „drängende“ Cello zurück. Regelrecht burlesk mutete der Schluss des vorletzten Adagios mit sich korrespondierend zugeworfenen Synkopen an. Den Schlusssatz bildete wieder eine Chaconne. Jedoch nicht mit einer sich stetig wiederholenden Basslinie, sondern einem ostinaten Rhythmus, mit dem Händel der Kunstgriff gelang, der improvisatorisch gestalteten Flötenstimme eine unnachgiebige Verankerung zu geben. Martin Hermann, Sabine Bruns und Ralf Sach entschieden sich hier für einen Ausgleich zwischen einer fröhlich tänzelnden Flöte und einer stampfenden, fast drohenden Begleitung. Und wie als Bestätigung spielte der Kirchenraum unterstützend mit.

Überhaupt der Kirchenraum! Im Gegensatz zur Martinskirche zwangen die akustischen Gegebenheiten der Kreuzkirche zu mehr Transparenz, was dem kammermusikalischen Musizieren sehr entgegen kam. Allerdings fehlte natürlich gleichzeitig die Unbestimmtheit des schummrigen gotischen Innenraums, der der Fantasie mehr Möglichkeiten lässt. Es bleibt jedoch das Verdienst des Ensembles, sich auf die neue Gegebenheit spielerisch und überzeugend eingestellt zu haben und mit den Worten Matthesons „musikalisch einen neuen Raum geschaffen zu haben, indem sich der Zuhörer frei und beglückt fühlen mag.“

(Teckbote vom 13.01.2010)

 

Saiten in den Herzen zum Klingen gebracht

Der Chor an der Martinskirche begeistert mit zwei barocken Weihnachtsoratorien


Mit weihnachtlichen Kantoreikonzerten ist das so eine Sache. Wenn Konzert, dann möglichst „Weihnachtsoratorium“. Wenn Weihnachtsoratorium, dann natürlich „das“ von Bach, am besten mit den Höhepunkten aus allen 6 Teilen. Dass es auch anders geht, bewies Bezirkskantor Ralf Sach mit der überaus klugen Programmgestaltung für das diesjährige Konzert in der Vorweihnachtszeit.

Bereits in vorausgegangenen Aufführungen hatte Sach mit großer Motivationsgabe und höchstem musikalischem Sachverstand dem dankbaren Publikum bewiesen, welch reiche Schätze es noch zu heben gilt. Und so standen diesmal im Zentrum des Abends zwei spätbarocke Weihnachtsoratorien, die einer breiten Öffentlichkeit nicht bekannt sind und auch leider zu selten zugänglich gemacht werden: „Die Freude der Hirten“ des Bachschülers und Organisten der Dresdner Frauenkirche, Gottfried August Homilius, und „Die Kindheit Jesu“, nach Texten von Gottfried Herder, vertont vom zweitjüngsten Bachsohn, Johann Christoph Friedrich Bach.

Beide Werke weisen in ihrer musikalischen Sprache in die nachbarocke „galante und empfindsame Zeit“. Einfache, eingängige Musik, aber dennoch von hoher Emotionalität, prägt diese Übergangszeit. Und so steht bei diesen Werken besonders die Freude der Hirten über die Geburt Jesu im Mittelpunkt.

Diese Freude, aber auch Pracht, zeigte sich schon im eröffnenden Chorsatz. Nach der pastoralen, ruhig pulsierenden Instrumentaleinleitung griff der Chor diesen Duktus auf und präsentierte sich mit schlankem, deutlich artikulierendem Klang. Trotz der Größe war der Chor klanglich stets sehr transparent und präsent – mit guter Ausgewogenheit in den Stimmen. Im anschließenden Rezitativ stellten sich die Solisten des Abends vor. Anders als in Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ gibt es in den beiden zur Aufführung gelangten Werken keinen durchgängigen Erzähler, sondern auf mehrere Personen verteilte Handlungsstränge. Eva Friederike Hoffmann, Sopran, Simone Alex, Alt, die ganz kurzfristig für die erkrankte Stefanie Schwarz eingesprungen war, sowie Johannes Petz, Tenor, nahmen sofort durch ihre lyrischen, warmen, den Text sehr genau ausdeutenden Stimmen ein. In der folgenden Bassarie „Fürchtet Euch nicht“ wusste Matthias Baur im konzertierenden Wettstreit mit drei Trompeten und Pauke mit stimmlicher Prägnanz und hellem Timbre zu gefallen.

In den Rezitativen und Arien von Tenor und Sopran war das beispielhafte Zusammenwirken aller Beteiligten zu hören. Das sehr einfühlsam begleitende und sensibel auf jede Geste des Dirigenten reagierende Orchester bereitete den klanglichen Grund, auf dem sich die Solisten bestens entfalten konnten. Besonders schön, das durch verschiedene Instrumentalgruppen wandernde Dreiklangmotiv in der Tenorarie, oder die differenzierte Terrassendynamik zum Beispiel in der Sopranarie.

Die nachdenklich stimmende Arie für Sopran, in der andere Töne angeschlagen wurden, sowie ein kurzes Tenorrezitativ – sehr schön die Phrase „Es ist die Liebe“ – leiteten über zum strahlenden Schlusschor, „gekrönt“ durch drei sehr sauber und edel artikulierende Hörner. Auch hier zeigte der Chor wiederum eine große stimmliche Frische mit federnden, elastischen Spitzentönen.

In den zwei sich anschließenden A-cappella-Motetten von Gottfried August Homilius überzeugte der Chor besonders durch die Präzision in den harmonischen Rückungen und fugierten Einsätzen.

Auch das zweite Hauptwerk, das Oratorium „Die Kindheit Jesu“, des sogenannten „Bückeburger Bachs“, verzichtet auf die übliche chronologische Schilderung der Weihnachtsgeschichte. Stattdessen bestimmen die Gefühle und Stimmungen der Protagonisten den Ablauf. Die Musik von Bach ist infolgedessen sehr gefühlvoll, empfindsam komponiert.

Das Werk begann mit einem Arioso, vom Sopran – hier gleichsam wie vom Himmel – von der Orgelempore aus gesungen. Im folgenden kamen Hirten (Tenor- und Basssolist) zu „Wort“, unterbrochen durch kurze Instrumentalzwischenspiele und einem Chorsatz. Im Zusammenwirken aller Beteiligter war aufs Neue eine große Präzision zu konstatieren, die es ermöglichte, mit beseelt musizierten oder dramatischen Textausdeutungen die Hörer zu erreichen.

Exemplarisch für viele „berührende“ Momente in diesem Konzert sei die wunderbare Altarie „Schlummre sanft in deiner Krippe“ genannt, sehr stimmschön und mit großem Ausdruck vorgetragen, oder auch das Bass-Arioso „Und nun! In Fried‘ und Freud‘ wall‘ ich von hinnen“ mit der Verknüpfung zum Bachchoral „Mit Fried‘ und Freud‘ ich fahr dahin“. Das Oratorium endet mit einem strahlenden Schlusschor. Dieser hat dem Chor nochmals viel abverlangt, der die Herausforderung aber mit Bravour meisterte und dabei keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigte.

Nach einem kurzen Innehalten des Publikums erklang starker, lang anhaltender Beifall, der zu einer Zugabe führte. Dank an alle Beteiligten, die wunderbar entspannt und doch konzentriert, mit vollem Engagement für die Werke eine große Lanze gebrochen haben, und großen Dank an Bezirkskantor Ralf Sach, der nicht nur die nötigen „Visionen“ für solche Programme hat, sondern neben hoher musikalischer Kompetenz und einem unaufgeregten, präzisen Dirigat auch die Gabe hat, Menschen für Musik zu begeistern. So konnte an diesem Abend bei den Zuhörern eine Saite in ihren Herzen zum Klingen gebracht werden und die christliche Botschaft ein Stück näher rücken.

(Teckbote vom 13.12.2009)

 

Orgeln, Orgelbauer, Kirchen und Organisten

Der Kirchheimer Förderverein Kirchenmusik unterwegs auf Orgelfahrt nach Wiesbaden und in den Rheingau

Nahezu 50 Orgelbegeisterte waren es, die in nebligem Morgengrauen mit dem Kirchheimer Förderverein Kirchenmusik auf eine große zweitägige Orgelfahrt gingen. Deren Organisation lag in den bewährten Händen von Karl-Otto Alpers und Leo Kutschkowski, die künstlerische Gesamtleitung hatte Bezirkskantor Ralf Sach.

 Roland Krämer

Ziel war mit Wiesbaden und Umgebung die Wirkungsstätte Ralf Sachs vor seinem Wechsel nach Kirchheim. Auf beeindruckende Weise wurde vermittelt, wie empfundene Orgelmusik erwächst aus dem Zusammenspiel sowohl von Orgel, Orgelbauer und Kirchenraum als auch von spielenden Organisten, gespielten Komponisten und von den Hörgewohnheiten der Teilnehmer.

Am ersten Tag waren fünf Standorte in Wiesbaden auf dem Programm. Die evangelische Ringkirche beherbergt eine fast noch original erhaltene Walcker-Orgel von 1894, die Ralf Sach als „sein“ früheres Instrument vorführen konnte. Weich und warm, wenngleich in den Tutti etwas dumpf, verteilt sich der romantische Klang harmonisch im Raum.

In der Marktkirche stellte Kantor Hans Uwe Hielscher eine 1863 erbaute, mehrfach umgebaute Walcker-Orgel mit 6200 Pfeifen und 85 Registern auf 4 Manualen vor. In einem klassischen Programm mit Werken von César Franck und Camille Saint-Saens präsentierte sich eine große romantische Orgel mit allen Klangbildern von den zartesten Schwebungen bis zum kraftvollen Plenum, dessen Klangfülle durch langen Nachhall mitgetragen wird.

Hielscher konnte noch mit zwei Besonderheiten aufwarten: Zum einen trug er als neues Klangerlebnis Transkriptionen von klassischen und modernen Melodien vor: die Orgel unterhält – singing and swinging - in mitreißender Weise. Zum anderen erinnerte er am Manual des Glockenspiels der Marktkirche daran, was es hieß, eine Orgel zu schlagen: Ein Carillon in 65 m Höhe im Hauptturm mit 50 Glocken, deren schwerste 3 Tonnen und leichteste 13 Kilogramm wiegt, ließ er eher mit den Fäusten als mit den Fingern kilometerweit über die Dächer Wiesbadens erklingen.

Die Lutherkirche besticht in mehrfacher Hinsicht:durch die prächtige, reiche Innenausstattung einer Jugendstilkirche ebenso wie durch eine perfekte Akustik für Orgeln. Und davon hat sie gleich zwei. Da ist zunächst eine restaurierte Walcker-Orgel von 1911. Kantor Jörg Endebrock spannte mit Werken von Bonnal und Mendelssohn den Bogen von schlanken, sphärischen Flötenklängen bis zu mächtigem Jubel.

Im Kirchenraum gegenüber steht seit 1979 eine barockdisponierte Klais-Orgel, die mit hellem, klarem und differenziertem Klang eine ideale Ergänzung zur romantischen Walcker-Orgel darstellt. Guter Tradition folgend war auch der Besuch einer kleinen Dorfkirche vorgesehen. Die Thalkirche in Sonnenberg wartet mit einer sehenswerten, dem sogenannten „Wiesbadener Programm“ entsprechenden Einheit von Altar, Kanzel und Orgel auf.

Weit mehr als die einmanualige Raßmann-Orgel von 1883 faszinierte ihr Organist Andreas Karthäuser. Seine Begeisterung für „sein“ Instrument sprang spontan auf die Besuchergruppe über, die den Härtetest der großen Bach-Toccata auf dem kleinen Instrument in lebendiger Erinnerung behalten wird. Zum Abschluss des ersten Tages gab Ralf Sach ein Orgelkonzert in der Kapelle des Wiesbadener Paulinenstifts mit Werken von Brahms, Bach und Scheidemann. Die am italienischen Klangbild orientierte Heberlein-Orgel von 2006 wurde als eher ruhiges und zurückhaltendes Instrument ohne hervortretendes Eigenprofil empfunden.

Der zweite Tag begann mit einem Hochamt in der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Dionysius und Valentinus in Kiedrich und geriet in mehrfacher Hinsicht zu einem Höhepunkt der Reise. Die Gruppe erlebte einen Gottesdienst mit dem legendären Kiedricher Choralgesang, der dort seit 676 Jahren erklingt. Die aus dem 13. Jahrhundert stammende, später gotisch ausgebaute Kirche enthält prächtige Kunstschätze. Die Kiedricher Schwalbennest-Orgel gilt als älteste noch spielbare Orgel Deutschlands. Entstehungsjahr und Orgelbauer sind nicht überliefert.

Die Orgel wurde mehrfach umgebaut und von der Orgelbaufirma Kuhn auf den Zustand von ca 1630 restauriert. Nur 21 Register ergeben dennoch einen voluminösen Klang, der die Kirche füllt. Organist Michael Wagner stellte das mittelalterliche Instrument vor, transponierte den Choral „Lobet den Herren“ in verschiedene Tonarten und brachte die berühmte und berüchtigte „Wolfsquinte“ zu Gehör. Ebenso mutig wie gelungen – und selten gehört -  war seine wahrlich „schröckliche“  Dokumentation, warum man auf einer mitteltönigen Orgel nicht Fis-Dur spielen darf.

Die evangelische St. Katharinenkirche Oppenheim setzte den fulminanten Schlusspunkt. Die dortige Orgel hat Gerald Woehl, ein Pionier der deutschen Orgelsymphonik, 2006 fertiggestellt. Sie beinhaltet noch rund ein Drittel der Klangsubstanz der ursprünglichen Walcker-Orgel von 1871. Die Woehl-Orgel hat  einen romantischen, vollen Grundklang, aber auch eine prägnante eigene Charakteristik. 3218 Pfeifen in 54 klingenden Registern auf 3 Manualen ermöglichen eine große Klanglichkeit. Orgeln so zu bauen, dass der Organist Register ziehen kann, wie er will, und es immer gut klingt, gehört zum Credo von Gerald Woehl.

In Oppenheim ist dem Orgelbauer zudem die Synthese von großem Kirchenraum und großem Orgelklang perfekt geglückt. Kantor Ralf Bibiella hatte mit Werken von Mendelssohn, Bach und Vierne keine Präsentation der drei Komponisten, sondern die Vielfalt der Orgel an unterschiedlichen Beispielen im Sinn. Vom feinsten Salicional über Trompeten bis zu kräftigen Prinzipalen, von zarten Sphärenklängen bis zu enormer Explosivität und geballter, von langem Nachhall unterstützter Wucht reichte das vorgeführte Klangspektrum. Dezente Kritik aus dem orgelkundigen Teilnehmerkreis mahnte an, dass „der Bach“ im Kirchenraum zu verschwommen und nicht klar und transparent genug angekommen sei. Bibiella hielt dem entgegen,  Bach nicht aufgrund mitgebrachter und mitgehörter digital-perfektionierter Studioqualität wie im Wohnzimmer, sondern in der Kirche mit allen ihren Besonderheiten im Zusammenspiel von Orgel, Kirchenraum, Organist und Zuhörern zum Erlebnis machen zu wollen. Wer weiß, was „der Bach“ dazu gesagt hätte?

Die insgesamt runde und im Wortsinne harmonische Reise war angereichert durch Informationen über Geschichte, über Burgen, einen Besuch am Niederwalddenkmal und eine Weinprobe im Weinbaumuseum der mittelalterlichen Brömserburg in Rüdesheim. Weil in der langjährigen Tradition der Orgelfahrten bislang noch ausgespart, wurde für das nächste Jahr die Region um den Bodensee ins Auge gefasst.

(Teckbote vom 09.10.2009)

 

Zusammenspiel der Klangfarben

Franz Xaver Richters A-Dur Messe in der Martinskirche

 

Er war einer der großen Vertreter der "Mannheimer Schule": Franz Xaver Richter. Zum 300. Jahrestag seines Geburtstages widmeten ihm die beiden Liederkränze aus Kirchheim und Esslingen ein ganz besonderes Konzert. Mit der "Missa in A" erwiesen die beiden Chöre am Sonntag in der Martinskirche dem mährischen Komponisten ihre Reverenz. 

"Winterlich", so lautet der Zusatz, den der Komponist dem Werk gegeben hat. Damit dürfte der Tonkünstler kaum die wundervollen Stimmfarben in dieser Messe gemeint haben, die er in dem Werk aus seiner letzten Schaffenszeit am Straßburger Münster zwischen 1781 und 1783 schuf, wie einen farbenprächtigen Prospekt entrollt und immer wieder miteinander wetteifern lässt. Vielmehr lässt sich vermuten, dass die Messe für Gottesdienste bestimmt war, die in der Zeit zwischen Epiphanias und dem Sonntag vor Aschermittwoch gefeiert worden sind.

Die ersten Takte des "Kyrie", die hinunter schweben, sind "Gänsehaut-reif". Warm und weich entfaltet der Chor den Huldigungsruf, verweben sich die Stimmlagen zu einem wundersamen, facettenreichen Klangdiamanten. Auch sonst meistern die Sänger die Aufgabe mit Bravour, tänzeln durch die melodisch anspruchsvollen Passagen und das festliche Gepräge. Kleine Schwächen gibt es bei der rein in Latein gesungenen Messe nur beim "Credo", wo es hier und da beim Einsatz hapert. 

Zur Einstimmung auf den Richter Konzertabend spielte Organist Ralf Sach, der den Chor auch bei der Missa begleitete, Richters "Orgelsonate in F". Dabei bewies der Bezirkskantor wieder einmal seine technische Finesse am komplexen Instrument. 

Im Duett mit Elisabeth Deinhard (Querflöte) gab Ralf Sach zudem das "Flötenkonzert in F". Elegant und weich harmonierten Flöte und Orgel in diesem aparten Zusammenspiel, das Richter hier ersonnen hat. Auch hier spiegelte sich die feine Harmonik, die so typisch ist für den Komponisten, der 1789 starb und ein reichhaltiges Werk hinterließ. 

Am Ende bekamen die Zuhörer die Akteure dann doch noch einmal zu sehen. Zum Abschluss präsentierten sich die Chöre als auch Musiker und Solisten dem Publikum und nahmen den verdienten Applaus für ein gelungenes Konzert persönlich entgegen. 

(Teckbote vom 20.10.2009)

 

Soiree des Flötenensembles an der Martinskirche

Der Herbst hat zwei Gesichter. Davon war bei der Soiree des Flötenensembles der Martinskirche auch musikalisch einiges zu spüren. Werke vom Hochmittelalter Hildegard von Bingens bis in die Neuzeit für Flöte, teilweise auch begleitet am Cembalo, kamen in der Akustik des Chorraums der Kirchheimer Hauptkirche in besonderer Weise zur Geltung.

Dabei spielten Mechthild Hipp, Esther Müllerschön, Regina Battenschlag, Eva Narr, Jutta Baur und Ulrike Seidler unter der Leitung von Bezirkskantor Ralf Sach nicht nur festliche Musik bekannter Komponisten wie Johann Sebastian Bach oder Tomaso Albinoni, die man im Kirchenraum zu hören gewohnt ist, sondern auch Klänge, die das Publikum eher in ein Wiener Kaffeehaus des 19. Jahrhunderts versetzte, sowie auch vom Jazz geprägte und vielen sicher eher unbekannte Stücke zeitgenössischer Musiker.

Unterstrichen wurde das Vieldeutige des Herbstes auch durch tief- und hintersinnige bis kabarettistisch anmutende Texte von Theodor Storm bis Harald Schmidt. Da ist es kein Wunder, dass diese wechselnden Stimmungen vom gebannten Zuhören bis beinahe zum Schunkeln auch beim Publikum ankamen.

(Teckbote vom 29.10.2009)

 

Die Jagd des Organisten nach dem Kuckuck


Als das Schlussduo René Christmann (Schlagzeug) und Ralf Sach (Orgel) bei der 9. Kirchheimer Orgelnacht seine "Hommage an Händel" begann, was das Kirchenschiff immer noch gut gefüllt. Mit einem Intro nach dem berühmten "Halleluja" ertönten ungewohnte Klänge im Kirchenraum. Aufmerksam reagierten die beiden Musikprofis in ihrem Spiel aufeinander. Mal übernahm die Orgel die Führung, dann wieder das Schlagzeug. So gelang es ihnen fantastisch durch ein "Swingfeeling" die freudige Stimmung auf die Anwesenden zu übertragen.

Im folgenden "Alla Chaconna" lieferte die Orgel den ostinaten Rahmen der barocken Chaconnenform, um sich dann, alternierend mit dem Schlagzeug oder gleichzeitig mit ihm variierend - mit einem begeisternden, mitreißenden Mittelteil im lateinamerikanischen Gewand - auf den virtuosen Schluss hinzuwenden.

In den beiden folgenden Stücken standen die Künstler als Solisten im Mittelpunkt. Ihre Leistungen ließen das überragende instrumentale Können hör- und sichtbar werden. Dabei verselbstständigte sich der in der Orgel als Zusatzeffekt eingebaute Kuckucksruf im Laufe des "Orgelconcertos auf einem Weinfass" und sorgte so als "Kuckuck auf der Flucht" vor den Beckenschlägen des Schlagzeugs für Heiterkeit.

Nach diesem Stück kehrte mit einer neu harmonisierten und mit einem interessanten Rhythmus unterlegten Fassung des "Largo" nochmals meditative Ruhe ein. Beim letzten gemeinsamen Musizieren wurde der Zuhörer wiederum in die Welt des Blues und Jazz mitgenommen und verzaubert. Das sensible und zugleich virtuose Spiel, das "blinde" Verständnis der beiden Musiker faszinierte aufs Neue. Mit ihrer Fassung von "Der Mond ist aufgegangen" wurden die Zuhörer in den Abend entlassen.

(Teckbote vom 29.07.2009)

 

"Preiset ihn, ihr Engelchöre!"

Der Chor an der Martinskirche, das Schwäbische Kammerorchester und Bläser der Stadtkapelle führten an Karfreitag seltene Werke der Kirchenmusik auf

Zu seinem besinnlichen Karfreitagskonzert mit symbolisch frühem, dem Anlass und der biblischen Überlieferung der Passion und des Todes Christi entsprechenden Konzertbeginn lud der Chor an der Martinskirche unter der Leitung von Ralf Sach die Zuhörer in die Kirchheimer Martinskirche... Nach der geheimnissvoll getragenen, teils düsteren und unheilschwangeren Introduktion von Beethovens "Christus am Ölberge" erfolgte der erste Auftritt von Alexander Efanov (Tenor). Vom ersten Takt an gefiel sein, auch in hoher Lage, unangestrengter Vortrag durch Strahlkraft und exakte Artikulation, wobei Jesu Erschütterung, gepaart mit Todesangst in dramatischer Färbung plastisch wurde.

Der Sopranistin Christine Euchenhofer fiel die Rolle des Seraphs zu, der das Schreckenszenario mit Betroffenheit kommentiert. In ihrer Arie "Preist des Erlösers Güte" gelang ihr mit ihrer bald zierlichen, dann wieder strahlenden, aber niemals schrillen Sopranstimme auch in hoher Lage ein makelloser Vortrag.

Auch der Chor an der Martinskirche wusste sowohl in stimmlicher Hinsicht zu überzeugen als auch in punkto Abstimmung zwischen den einzelnen Chorteilen. Dies zeigte sich etwa im "Chor der Krieger", wo der Männerchor mit dramatisch aggressiver Steigerung aufwartete, oder auch alternierend zwischen Chor der Krieger und dem Chor der verängstigten, um Erbarmung flehenden Jünger.

Matthias Baur (Bass) füllte die Rolle des Petrus mit kräftigem, tragfähigem Bass überzeugend aus. Im abschließenden "Chor der Engel", einer überzeugend strahlenden Schlussklimax in der "Lichttonart" C-Dur ist die Macht der Hölle endgültig überwunden ("Welten singen Dank und Ehre!").

Das Konzert fand eine Fortsetzung mit der Orchesterfassung von Introduzione und Sonata VII ("In manus tuas") aus Joseph Haydns Sakralwerk "Die sieben letzten Worte des Erlösers am Kreuze". Dabei gelang es dem Schwäbischen Kammerorchester, den majestätisch fortschreitenden Charakter dieses Werks zu betonen, der immer wieder durch Generalpausen, die wie musikalische Fragezeichen wirken, spannungsvoll verzögert wird.

Mit den "Leiden Christi" aus Mendelssohns Oratorienfragment "Christus" Op. 97 kam ein weiteres wenig bekanntes Werk zur Aufführung. Die Tenorrolle in den Rezitativen nahm wiederum Alexander Efanov wahr, der hier gleichzeitig die Aufgabe des Evangelisten und Erzählers hat. Ihm steht mit dem Chor der entfesselte Mob entgegen, dessen Hass im "Kreuzige ihn!" gipfelt. Mit dem Schlusschoral "Er nimmt auf seinen Rücken" fand ein in allen Teilen überzeugender Vortrag seinen Abschluss...

Nachdem der letzte Ton verklungen war, verharrte das gesamte Auditorium eingedenk der Todesstunde Christi in Schweigen, bevor großer Beifall die bravouröse Gesamtleistung aller Beteiligten würdigte.

(Teckbote vom 14.04.2009)