Pressespiegel zu Musikveranstaltungen an der Martinskirche ab 2013

 

 

Ein Adventskonzert voller Doppeldeutigkeiten

 

Die vorweihnachtliche Zeit ist eine erwartungsfrohe Zeit. Insbesondere Musik muss sich den Anspruch gefallen lassen, alle Jahre wieder mit sanftem Dreiertakt die an Idylle gewöhnten Herzen zu erwärmen.
 Dabei ist die gegenwärtige Zeit alles andere als idyllisch und die weihnachtliche Zusage „Friede auf Erden“ schmerzt angesichts aktueller Terror-Nachrichten. Bezirkskantor Ralf Sach wählte für das traditionelle Adventskonzert seines Chores an der Martinskirche mit sicherer Hand ein Programm aus, das nur vordergründig vorweihnachtliche Stimmung versprach.

Schumann, 1848 durch die gewaltsamen Wirren der Revolution selbst Flüchtling geworden, kam in Berührung mit Friedrich Rückerts „Adventslied“, einer poetisch ausgemalten Friedensbitte. Wie im Wahn komponierte er dazu eine Musik, die er eher mit einem ideellen Advent in Verbindung gebracht sehen wollte. Die schlichte Eingangsmelodie, von Christine Euchenhofer mit klarem Sopran vorgetragen, ist ein Sinnbild der sich selbst entäußernden Demut des Gottessohns, begleitet von den Töchtern Jerusalems, denen die Frauenstimmen des Chores an der Martinskirche sensibel ihre Stimmen gaben. Und weil nun mal Krieg Sache der Männer ist, lässt Schumann die Wirklichkeitsbeschreibung von Krieg und Zerstörung mit martialischem Orchestergetöse von einem schneidigen Männerchor darstellen. Aufpeitschend trieb Ralf Sach die stacheligen Punktierungen des hellwachen Männer-Registers über die Schlachtfelder dieser Welt, und nur wer genau zuhörte, merkte, dass Schumann mit dem kurzen Aufblitzen seines holpernden „Soldatenmarschs“ eigentlich das Gegenteil darstellte: Genauso agiert der himmlische Friedefürst eben nicht. Die Aufführung von Schumanns Adventslied kam einer hoch aktuellen Inszenierung nah. Dies lag auch zum großen Teil daran, dass alle Beteiligten Musik im wahrsten Sinne des Wortes darstellten. Besonders eindrücklich war dies in der choralhaften Bitte „O Herr, von großer Huld und Treue“ zu spüren, mit der Schumanns Adventslied eine neue Wendung bekommt.

Die sich anschließenden chromatischen Fortschreitungen, mit denen Friedensvisionen als allenthalben bedroht gezeichnet werden, waren wiederum eine konzentrierte Fleißarbeit, die dem Chor an der Martinskirche stellenweise durchaus anzumerken war, bevor ein strahlendes Unisono mit der Bitte um das Licht der Wahrheit in Schumanns „Nachtlied“ überleitete. Friedrich Hebbel, Lieblingsautor des Komponisten, entwarf hier ein typisch romantisches Stimmungsbild, in dem die Nacht immer als unbestimmt, Angst einflößend und Geborgenheit spendend zugleich veranschaulicht wird. Auch hier wieder ein begeisterndes Lob der Programmgestaltung, weil dieser Satz für Chor und Orchester wie ein Intermezzo zum Hauptteil des Abends überleitete: der „Geburt des Herrn“ von Felix Draeseke. Deutlich schmaler besetzt, sang ein glockenreiner Kammerchor zum ersten Mal in dieser Zusammensetzung diese sich bis zu acht Stimmen entfaltende Chormusik, bei der die Gesangsstimmen das Tongeflecht des Orchesters zu kommentieren hatten.

Einer beeindruckend eingespielten Capella Martini wurde so ein chorischer Glanz zugefügt, der insbesondere in den suggestiven „Schlaf!“-Aufforderungen tatsächlich vorweihnachtlich-engelsgleich erklang und eine Bühne für die Erscheinung des Engels Gabriel im ersten Satz des Draeseke-Oratoriums bereitete. Auch die „Geburt des Herrn“ ist keine eigentliche Weihnachtsmusik, sondern als geistliches Pedant zu Wagners „Ring“ konzipiert. Es ist schwere Musik, und den Zuhörern in der Martinskirche wurde durchaus einiges abverlangt. Harmonisch unbestimmt und szenisch hauptsächlich von den Zwischenspielen des Orchesters getragen, entwickelt Draeseke die Handlung ausschließlich durch wörtliche Rede, wobei den Protagonisten prophetische Weissagungen anvertraut werden. Der Auftritt der Weisen etwa gerät zu einem inbrünstigen Gebet um den Frieden in der Welt. Und die von Burkhard Seizer innigst bekleidete Rolle des greisen Simeon trug ganz eindeutig die ordnenden Züge des Hans Sachs aus Wagners Meistersinger. Dennoch kommt es zur Katastrophe des Kindermords von Bethlehem. Es ist unglaublich, dass die Musizierenden sich am Tag vor der Aufführung zum ersten Mal gesehen haben. Sie haben einen zu Herzen gehenden Blick hinter die Kulissen des vordergründigen Weihnachtsgeklingels geboten, der trotz aller Wirrnisse mit dem tröstlichen Hinweis auf den Schutz der Engel schloss.

(Teckbote vom 16.12.2015)

 

Betrachte, meine Seel

Beeindruckendes Konzert zur Todesstunde Jesu mit Bachs Johannespassion

Die Leidenszeit Jesu bewegt die Menschen bis zum heutigen Tag und regt sie sowohl zu intellektueller als auch emotionaler Beschäftigung an. Seit Jahren pflegt auch der Chor an der Kirchheimer Martinskirche die gute Tradition, den Karfreitag als höchsten evangelischen Feiertag mit einem Konzert zu begehen, in dem das Spannungsfeld von Leben, Leiden, Tod und Auferstehung Jesu ausgelotet wird. Dieses Jahr hatte man ein Gipfelwerk der Oratorienmusik ausgewählt: Mit der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach hat man die – neben seiner Matthäus-Passion – wohl bedeutendste Vertonung der letzten Stunden Jesu aufs Programm gesetzt.

Die Johannes-Passion ist auch knapp 300 Jahre nach ihrer Uraufführung in ihrer Wirkung auf den Zuhörer unmittelbar und packend. Dabei wirkt im Vergleich der beiden Bach’schen Passionsvertonungen die Johannes-Passion direkter und mehr auf das Wesentliche konzentriert. Meisterlich hat es Bach verstanden, die Verschiedenartigkeit der Darstellung der beiden Evangelisten Johannes und Matthäus in Anlage und Gestaltung seiner Passionsmusiken zu übertragen. Während Matthäus empfindsamer und schonungsvoller berichtet, lesen wir im Johannesevangelium einen auch an der dramatischen Einzelheit interessierten Bericht, der auch die kleinsten Bosheiten der Gegner Jesu minutiös überliefert.

Die Erregung darüber ist dem Evangeliumstext deutlich anzumerken, und Bach übersetzt ihn kongenial in Musik. Der Bericht seines Evangelisten ist dementsprechend dramatisch aufgeladen; hier wird nicht distanziert und abgeklärt rapportiert, sondern engagiert Partei ergriffen und mitgelitten. Eine besonders eindringliche Stelle, an der die Emotionalität des Evangelisten sich unmittelbar auf den Zuhörer überträgt, ist der Moment, in dem Petrus beim Krähen des Hahnes erkennt, dass er Jesus – wie von diesem vorausgesagt – dreimal verleugnet hat: „... und ging hinaus und weinete bitterlich.“ Der weinende Petrus erschüttert hier den Evangelisten so sehr, dass er gleichfalls von Weinkrämpfen gepackt wird und für einen Moment seine Rolle als Chronist nicht mehr wahrnehmen kann.

In der Aufführung am Karfreitag sang der Tenor Rüdiger Husemeyer den Evangelisten und zeichnete mit angerauhter Stimme und großer Textverständlichkeit dessen Emotionen nach. Dies gelang ihm mit nachhaltigerem Eindruck als die Gestaltung der Tenorarien, bei denen er gelegentlich an seine Grenzen stieß.

Neben dem Evangelsiten kommt dem Chor in der Johannes-Passion die zweite Hauptrolle zu: Zum einen hat er als „Stimme des Volkes“ einen aktiven Part bei der Erzählung der Leidensgeschichte, zum anderen kommentiert er in den Chorälen oder in dialogischen Szenen mit den Solisten das Geschehen und gibt dem Publikum dadurch Gelegenheit, das soeben Gehörte zu verarbeiten.

Der Chor an der Martinskirche bewies dabei, wie gut er von seinem Leiter Ralf Sach auf diese anspruchsvolle Aufgabe vorbereitet worden war. Wenngleich die durchweg sehr zügigen Tempi bei den Choralsätzen deren kontemplativem Charakter nicht immer Rechnung trugen, überzeugte der Chor durch Intonationssicherheit und Homogenität des Klanges. Auch bei den rhythmisch vertrackten Stellen – beispielsweise bei den Einwürfen in der Bassarie (ausgezeichnet: Matthias Baur) „Eilt, ihr angefochtnen Seelen“ – zeigte der Chor eine Präzision, der bei weitem nicht von allen Laienchören erreicht wird.

So konnte die musikalische Umsetzung des Werkes insgesamt überzeugen. Ralf Sach wählte einen die Dramatik und das Leiden Jesu betonenden Zugang zum Stück und erzielte dadurch die erwünschte emotionale Wirkung beim Publikum. Das Schwäbische Kammerorchester, verstärkt durch Mitglieder der Stadtkapelle Kirchheim, folgte ihm bereitwillig auf diesem Weg.

(Dr. Andreas Massinger im Teckboten vom 21.04.2014)

 

Berückend schön aufblühende Musik

Der Chor an der Martinskirche mit zwei moderneren Komponisten

Igor Strawinsky: Psalmensinfonie und Leonard Bernstein: Chichester Psalms – ein Streifzug durch die Partituren lässt keinen
 Zweifel. Solche Musik kann nicht aus Routine realisiert werden. Bezirkskantor Ralf Sach hat beide Werke seinem Chor an der Kirchheimer Martinskirche unerschrocken zugemutet. Nach nur viermonatiger Vorbereitung sind sie am vergangenen Sonntagabend in einer kompakten geistlichen Konzertstunde überzeugend präsentiert worden.

Die Halle der Kirche knapp zur Hälfte gefüllt. Der Chor hochgetürmt auf einer sechsstufigen Tribüne über dem Altar. Eine mächtige Bläsergruppe und Schlagwerkapparat aus den Reihen der Kirchheimer Stadtkapelle sowie das Orchester „Capella Martini“ in je ungewöhnlichen Besetzungen, beide den Grundideen dieser singulären Werke maßgeschneidert.

Von Beginn an führte Ralf Sach mit schnörkellosen Zeichen durch beide Werke. Anlage, Textur und stilistische Mittel sind verwandt und verlocken zu synoptischer Würdigung. Dreisätzig überhöhen sie die elementare Sprachkraft ausgewählter Psalmverse zu musikalisch gleichrangig edlen Gebilden. Vital die Eingangssätze, Szenen, die sich im zweiten Satz sensibel verästeln: Eine komplizierte Fuge der Holzbläser bei Strawinsky, bei Bernstein eine emotional unterkühlte Singstimme, nahezu autistisch nach innen gekehrt. Man imaginiert die Vorstellung des in seinen Gedanken verlorenen Hirtenknaben David.

Obwohl orthodoxer Russe, hat Strawinsky das römische Latein gewählt. Unablässig wiederholt er das „Laudate Dominum“, von ihm als stockender Atemstrom phrasiert: „Lau-(hau)-da-(ha)-te“. Er nehme es sich heraus, den Namen des Herrn so zu atmen, wie er will, hat Strawinsky seinen Kritikern einmal geantwortet. Schade, dass die chorische Diktion manchmal zwischen Halle und Chorraum hängen geblieben ist. Nur Celli und Bässe bei Strawinsky, dramatisch die wilde Triolenjagd der Bläser. Und dann dieses dreimalige, himmlisch reine Alleluja. Es endet jeweils auf dem instabilen Es-Dur-Quartsextakkord. Die Herrlichkeit Gottes, vorgetragen auf wackeligen Beinen der ihn Anrufenden. Kein sentimentaler Fremdkörper in sprödem Werk. Der Klang leuchtet kurz und matt, wie die Druckstelle auf der Stirn, wo der Finger des Engels berührt hat.

Leonard Bernstein gebraucht ähnliche musikalische Muster. Seine markanten Rhythmen sind von Latino-Elementen geprägt, ein bisschen Puerto Rico der West Side Story. Das ist Bühnenmusik, Handlungs-Musik, Action im besten Sinn. Erst recht im zweiten Stück. Ursprünglich für eine Knabenstimme, hat in der Martinskirche die Sopranistin Mareike Bender diesen Rolle übernommen und klug gestaltet. Ohne subjektive Vereinnahmung gab sie dem Part abstrakten Wohlklang, hörbares Bild des Reinen. Ein innerer Monolog auf der Bühne des Lebens, vor dem unbegreifbaren Gott, der nur durch sein Handeln erfahrbar ist.

Bernstein bearbeitet die Verse aus sechs verschiedenen Psalmen in hebräischer Sprache. Ein handwerkliches Problem. Musik wird von links nach rechts, Hebräisch umgekehrt notiert. Die Partitur setzt die Silben phonetisiert unter die Noten. Für den Martinschor nicht das eigentliche Problem. Die Chorsätze sind durch die Bank äußerst schwer zu singen. Wie auch bei Strawinsky dominiert die heilige Zahl Sieben in Gestalt der Septime. Das ist unbequem zu singen, vor allem wenn die Dissonanz nicht tonal verankert und zudem verkettet ist. Der Martinschor nahm diese Wanderung auf Gebirgsgraten sauber und konzentriert. So auch das Finale: „Hineh mah tov, umah na´im, shevet ahim gam yahad – Wohlan, wie gut und wie mild ist‘s, wenn Brüder mitsammen auch siedeln“ (Martin Buber). Und mit diesem Stück Musik, das ähnlich demütig und zeitlos die Sinne ausrichtet wie das unablässige Laudate Dominum bei Strawinsky, endet diese Stunde angespannt-dichter – und aus der herben Grundstimmung oft berückend schön aufblühender – Musik im Herzen der Stadt.

Musik brauche nicht schön zu sein, wenn sie ehrlich ist, soll Igor Strawinsky gesagt haben. Dass aber gerade solche Musik durch eine kompetente, unaffektierte Interpretation ihre erhabene Schönheit entfalten kann, haben die Kirchheimer Akteure unprätentiös und eindrücklich gezeigt. Ein langer Beifall dankbarer Zuhörer konnte das nur ungefähr reflektieren. Und wenn es gelänge, dem Chor künftig eine Rückwand aus gehängten Holzelementen zu spenden, könnte der Hörgenuss bei der nächsten Tat der Kirchheimer noch intensiver werden.

(Reinmar Wipper im Teckboten vom 26.11.2013)

 

Passion im strahlenden Lichte der Auferstehung

Musik zur Todesstunde Jesu mit einem Passionsoratorium von J. H. Rolle

Ein gänzlich unbekanntes Werk eines wohl nur Spezialisten vertrauten Komponisten kam in der diesjährigen „Musik zur Todesstunde Jesus“ in Kirchheim zur Aufführung. Bezirkskantor Ralf Sach, mit 
seinem ausgeprägten Gespür für musikalisch gehaltvolle Werke abseits des landauf- und landab gespielten Kernrepertoires, hatte sich dieses Jahr das Passionsoratorium „Der leidende Jesus“ von Johann Heinrich Rolle (1716 – 1785) vorgenommen. Nicht ohne Stolz gab Ralf Sach zu Beginn des Konzertes bekannt, dass die Aufführung erst die zweite überhaupt sei und eine Einspielung bisher nicht vorliege. Johann Heinrich Rolle, ein musikalisches Wunderkind, das schon in frühen Jahren Opern komponierte, wirkte – nach einem Jurastudium – in Berlin als erster Konzertmeister in der Hofkapelle Friedrich des Großen und freundete sich dort mit dem Bachsohn Carl Philipp Emanuel an, der dort als Cembalist tätig war. In seiner Tätigkeit als Musikdirektor der Stadt Magdeburg war er auch als Pädagoge sehr geschätzt und stand mit bekannten Denkern der Aufklärung wie Klopstock oder Gellert in regem Austausch.

Nach einem kurzen, einleitenden „Largo“ von Carl Philipp Emanuel Bach für zwei Flöten und Streichorchester, das ausgeglichen und klangschön musiziert wurde, eröffneten Chor und Orchester kraftvoll und zuversichtlich das musikalische Passionsgeschehen. Bereits in den ersten Klängen war die kompositorische, musikalische Zeitenwende der Entstehung der Komposition hörbar. Hatte vielleicht der eine oder andere Zuhörer den archaisch anmutenden monumentalen Eingangsdoppelchor aus der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach oder den nervös pulsierenden Eröffnungschor aus der Johannespassion des selben Komponisten im Ohr, so führte der Eingangschor aus dem „Leidenden Jesus“ die Hörer sofort in andere Klangwelten. Das Oratorium der frühen Klassik war, wie die gesamte damalige Musik, durchdrungen vom Geist der Aufklärung, einer philosophischen Strömung, die mit ihrer geistigen Sprengkraft Europa nachhaltig veränderte.

Die neue Weltsicht suchte nach einem Ausgleich zwischen Glaubensinhalten und Vernunft , einem zentralen Begriff der Aufklärung.

So wurde auch das Leid und die Passion als notwendige Vorbereitung auf die himmlische Seligkeit verstanden, Gottes Liebe als anzustrebendes Ziel, das es zu erreichen gilt, auch unter Entbehrungen. Musikalisch setzte sich die Passion der Nach- Bach und -Händel Ära besonders durch eine einfachere Tonsprache und konzertante Arien von der Barockzeit ab. Hatten die zahlreichen Zuhörer also eine Darstellung des Leidensgeschehens mit dramatischen Rede- und Gegenredeelementen und kommentierenden Choreinwürfen erwartet, so wurden sie enttäuscht, dafür aber mit konzertanten, schönen Melodien in Arien und Chorsätzen, häufig die Tonsprache Haydns und Mozarts vorwegnehmend, reichlich entlohnt.

Der Schwerpunkt dieser Passionsvertonung lag aufseiten der Solisten, ausgedehnte Chorsätze waren selten. Die Solisten, unterstützt durch das Orchester, mussten dabei besondere stimmliche Ausdrucksmöglichkeiten und Farben bereithalten. Es kam ihnen die schwierige Aufgabe zu, oft mehrere Personen innerhalb ihres Parts darstellen zu müssen, ein Wechsel der Soliloquenten – wie zum Beispiel in den Passionen von Heinrich Schütz – war nicht vorgesehen. Eine weitere Erschwernis war, dass sich die Mezzosopranistin am Vortag des Konzerts krank gemeldet hatte und ihre Partie auf Sopran und Tenor verteilt wurde. Alle Solisten absolvierten ihre Parts hervorragend, unangestrengt auch in den Höhen mit klarer, lyrischer Stimmgebung und hervorragender Diktion. Dasselbe lässt sich auch über die Leistung des Chores sagen, der – gerade nicht „ständig am Passionsgeschehen teilnehmend“ – die Chorsätze und Choräle präsent und ausgeglichen in den Registern vortrug, ihrem Dirigenten aufmerksam auch in den sehr schnellen Tempi der Choräle folgend.

Klang der kurze Auftakt durch den Chor sehr zuversichtlich, beherrschte in den folgenden Sätzen, die rasch aufeinanderfolgten, die dunkle Schilderung der letzten Tage von Jesus das musikalische Geschehen, aufgeteilt auf Chor und Solisten, sicher unterstützt und grundiert durch das Schwäbische Kammerorchester, sowie Mitgliedern der Stadtkapelle Kirchheim. Die am Beginn des Werkes gezeigte Zuversicht schaffte sich auch im nächsten Chorsatz „Singt ihr Himmel, Gott ist Liebe“ Bahn und schien auch das ganze Werk hindurch. Die positive Glaubenssicht manifestierte sich besonders schön im Chorsatz „Wachet, stehet im Glauben“ oder in der kraftvollen Tenorarie „Herr, ermunter du uns Schwachen“, die von Tenor Hubert Mayer mit stupender Atemtechnik vorgetragen wurde. In den immer wieder eingeschobenen Rezitativen, meist von der Bassstimme vorgetragen, wusste Matthias Baur mit klangschönem Bariton, leichter Höhe und ausdrucksstarker Deklamation zu gefallen, hervorragend getragen vom Continuo aus Orgel und dem oft quasi das Geschehen kommentierenden Solocello. Einer der berührenden Höhepunkte war das Duett von Sopran und Tenor, begleitet vom Orchester „Teures Wort aus Jesu Munde“, in dem Sopran Anna-Maria Wilke und Hubert Mayer nochmals ihre hervorragende Koloraturtechnik und Gestaltungskraft zeigen konnten.

Chor und Orchester zeigten sich ihren Aufgaben sehr gut gewachsen, zupackend kräftig, aber auch lyrisch zart. Besonders schön die gute Textverständlichkeit im Chor sowie der die bis zu den letzten Chornummern transparente, intonationssichere Klang. Bezirkskantor Ralf Sach verstand es, mit klarer, präziser Leitung alle Klangkörper zu einer Einheit zu formen und die werkimmanente po­sitive Glaubenshaltung den Zuhörern nahezubringen.

(Winfried Müller im Teckboten vom 03. April 2013)

 

"Corellische Tugenden" beim Dreikönigstreffen

Barocke Kammermusik in der Kreuzkirche

 Einen Hörgenuss der besonderen Art versprach der traditionelle Abend mit historischer Musik auf historischen Instrumenten
 am Dreikönigstag zu werden. „Mit Weihnachten ins neue Jahr“: Der Titel ist inzwischen Programm in der Kirchheimer „Szene“. Zahlreiche Liebhaber barocker Kammermusik machten sich auf den Dreikönigsweg, und so war die Kreuzkirche gut besetzt. Mit Joseph Bodin de Boismortier und dessen Sonate für Flöte, Violine und Basso Continuo in B-Dur eröffneten die erfahrenen Musiker – Martin Hermann an der Barockflöte, Dr. Bernhard Moosbauer an der Barockvioline, Sabine Bruns am Barockcello und Bezirkskantor Ralf Sach am Cembalo – den Abend.

Der in Thionville im Nordosten Frankreichs geborene Boismortier war Sohn eines Konditormeisters und ging zunächst der Arbeit eines Steuereintreibers für die Königliche Tabakgesellschaft nach. Erst 1722 ermöglichte ihm die großzügige Unterstützung eines wohlhabenden Kaufmanns, seine Finanzlaufbahn zu beenden und schwerpunktmäßig zu komponieren. Dem Cello gefiel die Temperaturschwankung in der Kreuzkirche nicht, und so musste Sabine Bruns das Allegro unterbrechen, um die Saite nachzustimmen. Nach dem Neubeginn wurde schnell deutlich, dass die Hauptrolle dem Flötisten zugedacht war. Die Sonate in B-Dur ist in ihrem Ursprung für Flauto traverse komponiert, wie überhaupt ein Großteil des kammermusikalischen Schaffens Boismortiers der Traversflöte gewidmet ist. Die Vermutung, dass Boismortier dieses Instrument selbst gespielt hat, liegt nahe. Die lebhafte Melodieführung zwischen Flöte und Violine könnte man schon beinahe als fugenhaft bezeichnen, Cembalo und Cello dienten als Gerüst des Ganzen. Im Affetuoso entfaltete sich der weiche Flötenton Martin Hermanns und tirilierte in manchen Passagen gar wie ein Vögelein. Das Vivace bot der Virtuosität von Martin Herrmann und Dr. Bernhard Moosbauer Raum. Im Presto traten überraschend Unsicherheiten auf, aber mit der antreibenden und zusammenführenden Kraft des Basso Continuo waren bald alle wieder an Bord. Die Sonate war eine fabelhafte Einstimmung in einen Konzertabend ganz im Zeichen der Barockmusik.

Der begeisterte Beifall des Publikums war gleichzeitig ein Ruf nach mehr, und diesem kamen die Musiker mit Antonio Vivaldi gerne nach. Die Sonata für Violine und Basso Continuo in g-Moll, die ursprünglich als Umrahmung der Messe gedacht war, komponierte Vivaldi für seine Schülerin mit dem sinnigen Namen Anna da Violin. Vivaldis Violinsonaten op. 2 entstanden im Rahmen seiner Tätigkeit als Leiter des Orchesters im „Ospedale della Pietà“, einem Heim für Waisenmädchen in Venedig, das durch seinen legendären Ruf viele Italienreisende anlockte. Die sehnsüchtig seufzende Violine im Preludio im Klagegesang mit dem Cello ging dem Zuhörer wahrlich ins Gemüt – die anschließende Giga, mit ihrem lebhaft tänzelnden Charakter und einer fortwährenden Cembalostimme, eher in die Beine. In der Sarabande wurde Dr. Bernhard Moosbauer nur von Pizzicatotönen des Cellos unterstützt, wodurch der Violine ein fast alleiniger Solopart gewährt wurde. Bernhard Moosbauer griff diesen Moment auf und füllte den Kirchenraum mit dem warmen Klang seiner Barockvioline.

Georg Philipp Telemann schrieb über sich selbst, er sei stolz darauf, dass seine Trio-Sonaten wegen ihrer „corellischen Tugenden“, also ihrer Anlehnung an die Komponierweise des italienischen Tonsetzers Arcangelo Corelli, so erfolgreich seien. Und sie seien zur „Belustigung von Fürsten und hohen Herren bei herrlichen Mahlzeiten“ bestimmt. Typisch für den Autodidakten Telemann sind gesangliche Melodien, einfallsreich eingesetzte und hoch differenzierte Klangfarben, zum Teil und vor allem im Spätwerk auch ungewöhnliche harmonische und rhythmische Effekte. Die Instrumentalwerke sind oftmals stark von französischen und italienischen Einflüssen geprägt, womit der junge Telemann als Schüler in Berührung kam.

So erklingt in der Sonate für Flöte, Violine und Basso Continuo in c-Moll ein wunderschöner Melodiebogen sogleich mit den ersten Tönen des Adagio, ein sehnsüchtig liebend anmutendes Gespräch zwischen den beiden Hauptinstrumenten sollte eigentlich stattfinden. Nur war dieses Zusammenspiel leider nicht spürbar, zu individualistisch, anstatt aufeinander abgestimmt zu sein. Der Basso Continuo war an dieser Stelle erneut zusammenführendes Element. Und dann rauschte das Allegro frisch und munter heran, ein leichtes und fröhliches miteinander Spielen der Instrumente, wie Kinder beim Toben. Leider wurde die Flöte mitunter von den anderen Instrumenten zugedeckt. Im anschließenden Adagio traf die cantabile Melodieführung durch die Instrumente direkt ins Herz und ließ die Seele jubeln. Es wirkte schon beinahe seltsam vertraut, wie ein bekanntes Nachtlied mit folkloristisch erscheinenden Elementen. Das Allegro als Schlusssatz ließ der Virtuosität der beiden Hauptakteure freien Lauf und begeisterte mit dem Frage-Antwort-Spiel.

1701 traf Telemann in Halle den 16-jährigen Georg Friedrich Händel, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Händels Sonate in C-Dur für Flöte und Basso Continuo ist vermutlich 1725 entstanden und besteht aus Umarbeitungen älterer Vorlagen. Sie beginnt mit einer wundervollen Melodie, die Gänsehaut erzeugte. Hier kam der weiche Flötenton Martin Hermanns endlich zu vollkommener Geltung. Im Allegro war ein unglaubliches, in irrwitzigem Tempo vorgetragenes Zusammenspiel von Cembalo und Cello im Hintergrund zu hören. Die komplette Sonate gab der Flöte Raum. Der Flötist ließ sie geradezu singen, und der ganze Kirchenraum war erfüllt von diesem Klang!

Ralf Sach interpretierte in einem Solo Präludium und Fuge in A-Dur von Johann Sebastian Bach aus dem Wohltemperierten Klavier. Man konnte ihm abspüren, dass Bach zu seiner musikalischen Heimat zählt. Die relativ einfach gebaute Fuge hat eine Besonderheit: In ihr kommt der tiefste Ton des gesamten „Wohltemperierten Klaviers“ vor.

Sehr melodiös gestaltete sich der Schluss des barocken Abends noch einmal mit Georg Philipp Telemann. In der Sonate für Flöte, Violine und Basso Continuo in d-Moll wurde der ganze Konzertraum zum Klangkörper, und im Allegro kam plötzlich noch ein Schellenkranz zum Einsatz, sozusagen Percussion auf Barockisch. Die Musiker entschlossen sich aber glücklicherweise zu einer wunderbaren Zugabe. Es erklang noch das weihnachtliche „Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter“, eine Choralbearbeitung von Johann Sebastian Bach. Unter lang anhaltendem Beifall ging ein gelungenes Konzert zu Ende. Zum letzten Mal in der Kreuzkirche? Größe und Akustik sind doch eigentlich prädestiniert für Konzerte in diesem Rahmen!

(Heike Wagner im Teckboten vom 09.01.2013)

 

Kirchenorgel trifft auf Radio-Hits

Jazz-Trio und Kirchenorgel in St. Martin Oberlenningen

Dass eine Pfeifenorgel zu mehr gut ist als nur die altehrwürdigen, klassischen Kompositionen zu spielen, ist Orgel-Fans sicherlich nicht neu. Wurden doch zu
 allen Zeiten Klavier- und Orchesterwerke auf die Orgel transkribiert. Und so gibt es schon seit Jahrzehnten immer wieder experimentierfreudige Musiker, die Jazz und Blues, Rock und Pop, mit dem Spielen der Kirchenorgel verbinden.

Zwar gehen auch hier die Meinungen auseinander: Was dem einen als Sakrileg erscheint, ist für den anderen einfach genial. Daher war es überaus erfreulich, dass Bezirkskantor Ralf Sach und seine Schüler Beni Alkier mit seinem Gesang, David Alkier am Keyboard, und Jochen Leitner am Schlagzeug musikalisch gegen den sonst üblichen Kirchenorgel-Strich gebürstet, generationsübergreifend musizierten. Ideenreich arrangierte Stücke, talentvoll vorgetragen bei einem Benefizkonzert zugunsten der nicht mehr aufschiebbaren Dachsanierung der Sankt Martinskirche in Oberlenningen.

Wenngleich aus der Sicht von Ralf Sach die Orgel kein Museumsstück darstellt, so ist es doch gewiss nicht alltäglich, die Königin der Musikinstrumente mit „Radio-Hits“ zu kombinieren, insbesondere wenn es sich dabei um die historische Haußdörfer-Orgel von 1739 handelt. Die ausgewählten Songs stammen überwiegend von dem kanadischen Sänger, Schauspieler und mehrfachen Grammy-Preisträger Michael Bublé sowie von dem deutschen Pop- und Jazzmusiker Roger Cicero. Michael Bublé, unter anderem beeinflusst von Paul Anka und dessen Hits der 50er Jahre, interpretiert Standards aus der Swing-Epoche ebenso wie Klassiker der Rock-Ära. Stilistisch bedient sich auch Roger Cicero, Sohn des 1997 verstorbenen Jazzpianisten Eugen Cicero, bei der Swingmusik der 1940er und 1950er Jahre und kombiniert diese mit modernen deutschen Texten. Bei den einzelnen Titeln brachte Beni Alkier bravourös sein gesangliches Talent zu Gehör. Prickelndes Gänsehautfeeling gab es bei seiner Interpretation von Bublés „Hold on“ (2009), ganz zur Freude der Zuhörer, die mit viel Applaus das besondere Konzert würdigten. 

Die Texte der Pop-Songs sind bestimmt geeignet, in der Kirche einen Platz zu finden. Aus der Sichtweise von Ralf Sach versuchen sie doch durchaus, wichtige Glaubensfragen auch junger Menschen zu beantworten. In „Tabu“ (2009) von Roger Cicero geht es um Beziehungsprobleme, sein Album „Männersache“ (2006) behandelt den Geschlechterkampf, landete auf Platz drei der deutschen Charts und verkaufte sich über eine Million Mal. 

In musikalischer Hinsicht gelang dem Trio, das durch Jochen Leitner am Schlagzeug rhythmisch bestens unterstützt wurde, ein fabelhaftes Konzert, mit durchaus groovigen Momenten. Wenngleich zuweilen das virtuose Orgelspiel von Ralf Sach, das sich durch reizvolle Arrangements auszeichnete, durch die Lautstärke des Schlagzeugs übertönt wurde, so muss das musikalische Kirchenexperiment auf jeden Fall als gelungen angesehen werden. Und es bleibt zu wünschen, dass solche anregenden Konzerte in den altehrwürdigen Kirchengemäuern der Region künftig häufiger zu hören sind. 

(Brigitte Gerstenberger im Teckboten vom 28.01.2013)